In einem aktuellen Gastbeitrag für die Washington Post plädiert der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Alvin Roth für die Legalisierung von Nierenverkäufen. Roth, einer der weltweit führenden Experten für tabuisierte Märkte, unterstreicht die Dringlichkeit einer Reform des bestehenden Systems.

Die dramatische Organknappheit in den USA

Jährlich erkranken in den Vereinigten Staaten etwa 130.000 Menschen neu an Nierenversagen – eine Krankheit, die besonders einkommensschwache Bevölkerungsgruppen und Afroamerikaner überproportional betrifft. Die Behandlungskosten belaufen sich allein für Medicare auf über 55 Milliarden Dollar jährlich, wobei der Großteil auf Dialysen entfällt. Aktuell warten rund 90.000 Patienten auf eine Spenderniere, während jährlich Tausende sterben, bevor sie ein passendes Organ erhalten. Im Jahr 2025 erhielten weniger als 30.000 Menschen eine Nierentransplantation – ein deutliches Missverhältnis zwischen Bedarf und Angebot.

Warum Bezahlung für Organspenden sinnvoll sein könnte

Roth argumentiert, dass die Legalisierung von Nierenverkäufen das Leben tausender Patienten retten und unnötiges Leid durch jahrelange Dialysen verhindern könnte. In seinem kürzlich erschienenen Buchkapitel „The Presumptive Case for Organ Markets“ widerlegt er gängige Gegenargumente wie die angebliche Ausbeutung von Armen oder die befürchtete Verdrängung altruistischer Spenden. Stattdessen betont er die Vorteile eines regulierten Marktes:

  • Mehr verfügbare Organe: Ein legaler Markt würde die Anzahl verfügbarer Nieren deutlich erhöhen.
  • Bessere medizinische Versorgung: Durch finanzielle Anreize könnten mehr Menschen zur Spende motiviert werden.
  • Freiheit und Autonomie: Patienten hätten mehr Kontrolle über ihre Behandlung.

Kritik und offene Fragen

Trotz seiner klaren Position benennt Roth auch Herausforderungen, die bei einer Legalisierung bedacht werden müssten:

  • Schutz vor Ausbeutung: Spender müssten vor unangemessenem Druck geschützt werden – ein Aspekt, der bereits bei der Prüfung freiwilliger Spenden eine Rolle spielt.
  • Gerechte Verteilung: Roth warnt vor einer Situation, in der sich nur Reiche eine Spenderniere leisten könnten. Hier müssten strenge Regularien sicherstellen, dass Organe nach medizinischer Dringlichkeit und nicht nach Zahlungsfähigkeit vergeben werden.

Roths Position ist besonders bemerkenswert, da er als linksliberaler Ökonom kaum mit ideologischen Vorbehalten gegen seine Forderung in Verbindung gebracht werden kann. Seine Argumente basieren auf ökonomischer Rationalität und empirischen Daten – ein Ansatz, der auch politische Entscheidungsträger überzeugen könnte.

„Es ist an der Zeit, die Bezahlung von Nierenspendern sorgfältig, aber dringend neu zu überdenken. Die aktuellen Zahlen zeigen: Unser System scheitert an der Organknappheit – und zahllose Menschen zahlen den Preis mit ihrem Leben.“

Alvin Roth, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Fazit: Ein Paradigmenwechsel in der Organspende?

Roths Vorschlag markiert einen radikalen Bruch mit der bisherigen Praxis. Während ethische Bedenken bestehen bleiben, überwiegen für ihn die lebensrettenden Potenziale eines legalen Nierenmarktes. Ob und wie eine solche Reform umgesetzt werden könnte, bleibt jedoch eine offene Frage – insbesondere in einem Gesundheitssystem, das bereits heute von Ungleichheiten geprägt ist.

Quelle: Reason