Der Oberste Gerichtshof der USA wird ab Montag mündliche Verhandlungen in einem Fall führen, der die Befugnisse der Regierung zur Nutzung von Geofence-Durchsuchungsbefehlen grundlegend klären könnte. Dabei geht es um die Frage, wie weit staatliche Behörden bei der Beschaffung digitaler Massendaten von Smartphone-Nutzern gehen dürfen – und zwar mit nur einem einzigen Durchsuchungsbefehl.
Erster großer Fall zum Vierten Verfassungszusatz seit 2018
Chatrie v. The United States ist der erste bedeutende Fall, der sich mit dem Vierten Verfassungszusatz befasst, seit das Gericht 2018 über den Fall Carpenter v. The United States entschied. Damals hatte der Supreme Court die Anwendbarkeit der sogenannten "Third-Party-Doctrine" eingeschränkt – ein Grundsatz, der besagt, dass Nutzer keine berechtigte Erwartung auf Privatsphäre in Daten haben, die sie an Dritte weitergeben.
Geofence-Durchsuchungsbefehle: Ein umstrittenes Instrument
Im Mittelpunkt der Debatte stehen Geofence-Durchsuchungsbefehle. Diese zwingen Technologieunternehmen wie Google, Standortdaten aller Nutzer in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten geografischen Zone offenzulegen. Anschließend können die Behörden die Daten eingrenzen, um Verdächtige zu identifizieren.
"Es ist eine wirklich interessante Frage zu einem Ermittlungsinstrument, das vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Man kann damit potenziell jedes Handy erfassen, das sich in einem bestimmten Bereich zu einem bestimmten Zeitpunkt befand."
John Villasenor, Rechtsprofessor an der UCLA und Senior Fellow am Brookings Institution
Breite Unterstützung für den Beschwerdeführer
Sowohl konservative als auch liberale Bürgerrechtsorganisationen unterstützen den Beschwerdeführer Okello Chatrie. Die US-Regierung findet dagegen kaum Fürsprecher: Nur eine Minderheit von Generalstaatsanwälten und einige Rechtswissenschaftler stehen auf ihrer Seite.
Chatrie wurde 2019 wegen eines Bankraubs verurteilt. Die Ermittler nutzten einen Geofence-Durchsuchungsbefehl, um von Google Standortdaten von Nutzern in einem Zeitraum von einer Stunde und einem Gebiet von 17,5 Acres zu erhalten. Anschließend verfeinerten sie die Suche, um Chatrie als Verdächtigen zu identifizieren.
Befürchtungen in Politik und Justiz
Im Kongress äußern sich sowohl Demokraten als auch Republikaner besorgt über die Nutzung von Geofence-Durchsuchungsbefehlen:
- Demokraten fürchten, dass die Methode in Zukunft zur Überwachung von Frauen genutzt werden könnte, die sich in Staaten mit restriktiven Abtreibungsgesetzen befinden.
- Republikaner kritisieren den Einsatz bei der Verfolgung von Teilnehmern der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021.
Geteilte Meinungen in der Rechtsprechung
Die Gerichte sind sich uneinig über die Legalität von Geofence-Durchsuchungsbefehlen im Fall Chatrie. Google hat mittlerweile die Speicherung von Standortdaten in der Cloud eingestellt und überträgt diese direkt auf die Geräte der Nutzer. Dennoch argumentieren die Unterstützer Chatries, dass die Entscheidung weitreichende Konsequenzen für andere digitale Daten haben könnte – etwa für Suchverläufe, Chatprotokolle oder Finanztransaktionen.
"Wir sind der Meinung, dass es wichtig ist, dass die Gerichte hier die richtige Entscheidung treffen. Sie müssen anerkennen, dass wir ein Eigentumsrecht an vielen unserer digitalen Daten haben. Wenn die Regierung diese ohne Durchsuchungsbefehl einsehen kann, wird der Vierte Verfassungszusatz praktisch bedeutungslos. Dann sind unsere Privatsphäre und traditionellen Rechte, unsere privaten Papiere und Effekte zu kontrollieren, nicht mehr gesichert."
Brent Skorup, Rechtswissenschaftler am Cato Institute
Argumente der US-Regierung
Die US-Regierung verweist darauf, dass Chatrie der Speicherung seiner Standortdaten bei Google zugestimmt habe. Die Sammlung dieser Daten sei vergleichbar mit anderen Spuren, die eine Person hinterlässt – etwa Reifenspuren oder Fußabdrücke.
"Individuen haben generell keine berechtigte Erwartung auf Privatsphäre in Informationen, die sie an Dritte weitergeben und die anschließend von diesem Dritten an die Regierung übermittelt werden", heißt es in der Stellungnahme der Regierung.
32 Generalstaatsanwälte unterstützen die Position der US-Regierung, ebenso wie einige Rechtswissenschaftler. Im Fall Carpenter v. The United States aus dem Jahr 2018 hatte der Supreme Court die Anwendbarkeit der Third-Party-Doctrine bereits eingeschränkt – ein Argument, das die US-Regierung nun in Chatries Fall erneut vorbringt.