Vor etwa zehn Jahren zog ich in eine Wohnung in Washington, D.C., die mir wie ein Schnäppchen erschien. Die Wohnung war in gutem Zustand und lag in einer angenehmen Gegend. Der Mietpreis war moderat – leicht unter dem Marktdurchschnitt, aber nicht auffällig niedrig für eine Wohnung im vierten Stock ohne Aufzug. Ich machte einen kurzen Besichtigungstermin, bevor ich den Mietvertrag unterschrieb. Doch nach nur wenigen Minuten unterbrach ich die Besichtigung, weil mein damaliger Chefredakteur anrief: Die Brexit-Abstimmung stand offenbar näher bevor, als erwartet.

Erst nach dem Einzug und dem Versuch, in der ersten Nacht einzuschlafen, wurde mir klar, warum die Wohnung so leicht zu mieten war: Sie lag nur wenige Blocks von einer Feuerwache entfernt. Die Einsatzfahrzeuge fuhren direkt unter meinem Fenster vorbei, sobald sie zu einem Einsatz ausrückten. Es dauerte etwa einen Monat – anstrengend, erschöpfend und mit schlaflosen Nächten – bis ich mich daran gewöhnt hatte. Heute schlafe ich fast überall durch.

An diese Feuerwache erinnere ich mich jedes Mal, wenn ich auf einen der Social-Media-Posts von Präsident Donald Trump aus seiner zweiten Amtszeit stoße. Die Zeiten, in denen seine 140-Zeichen-Tweets aus den späten 2010er-Jahren die Nachrichten dominierten, sind vorbei. Heute lassen sich seine langen Tiraden auf Truth Social – möglicherweise die unlesbarste Social-Media-Plattform der Internetgeschichte – leichter ignorieren. Trumps Posts sind mittlerweile so häufig und umfangreich, dass es sich kaum lohnt, ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Doch sein Muttertagspost über den Supreme Court ist eine Ausnahme. Darin äußerte der Präsident überraschend offen seine Sicht auf das höchste Gericht der USA – und wie er persönliche Loyalität von den Richtern erwartet, die er selbst ernannt hat.

Kritik an Richtern, die gegen seine Interessen stimmten

In dem langen Post kritisierte Trump zwei Mitglieder des Supreme Courts für ihre Entscheidung im Fall Trump v. Learning Resources. Das Gericht hatte mit 6:3 Stimmen entschieden, dass Trump seine angestrebten Zölle in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar nicht auf eine im Kalten Krieg geschaffene Notstandsgesetzgebung stützen durfte. Der Supreme Court stellte klar, dass Trump damit seine Befugnisse überschritten hatte.

„Ich ‚liebe‘ Richter Neil Gorsuch! Er ist ein wirklich kluger und guter Mann, aber er hat gegen mich und unser Land bei den Zöllen gestimmt – eine verheerende Entscheidung“, schrieb Trump. „Wie kann ich das mit mir vereinbaren? So schlimm und schmerzhaft für unser Land. Ebenso habe ich Amy Coney Barrett immer gemocht und respektiert, aber sie hat dasselbe getan. Sie wurden von mir ernannt und haben unser Land trotzdem so sehr verletzt!“

Dieser Post ist ein Paradebeispiel für Trumps Denkweise: Er geht offenbar davon aus, dass die von ihm berufenen Richter ihm persönlich loyal sein sollten. Richter Brett Kavanaugh, seine dritte Ernennung zum Supreme Court, gehörte zu den dissentierenden Richtern. Von den sechs Richtern, die die Mehrheit bildeten, erwähnte Trump nur Gorsuch und Barrett – bewusst ausgenommen blieb etwa Chief Justice John Roberts, der das Urteil verfasst hatte.

Ein offenes Bekenntnis zu politisierter Justiz

Dass Trump die drei liberalen Richter nicht einmal erwähnte, war kein Zeichen des Respekts. Offensichtlich hegt er keine besondere Wertschätzung für sie. Sein Post offenbart vielmehr, wie sehr er die Justiz als Instrument seiner politischen Ziele betrachtet. Die Äußerungen zeigen ein tiefes Missverständnis der Rolle eines unabhängigen Richters – und werfen die Frage auf, ob er die Gewaltenteilung überhaupt noch anerkennt.

Trumps Kritik an Gorsuch und Barrett ist dabei besonders brisant, da beide von ihm selbst nominiert wurden. Die Äußerungen deuten darauf hin, dass er erwartet, dass von ihm ernannte Richter ihm auch nach ihrer Berufung inhaltlich folgen – eine Haltung, die mit dem Prinzip der richterlichen Unabhängigkeit unvereinbar ist.

Experten sehen darin einen weiteren Beleg für Trumps Bestreben, die Justiz zu instrumentalisieren. „Wenn ein Präsident erwartet, dass Richter ihm persönlich loyal sind, untergräbt das das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Justiz“, sagte die Verfassungsrechtlerin Laurence Tribe von der Harvard University. „Das ist kein normales Verhalten für einen demokratischen Staat.“

Reaktionen auf Trumps Äußerungen

Die Kritik an Trumps Post kam prompt. Mehrere Juristen und Politiker warfen ihm vor, die Unabhängigkeit der Justiz zu missachten. „Richter sind nicht dazu da, dem Präsidenten zu dienen, sondern das Gesetz“, betonte die demokratische Senatorin Elizabeth Warren. Auch republikanische Stimmen äußerten sich kritisch. „Ein Präsident sollte die Justiz respektieren, unabhängig davon, wie die Urteile ausfallen“, sagte der ehemalige Justizminister William Barr.

Trumps Social-Media-Aktivitäten bleiben damit nicht nur ein Kuriosum der modernen Politik, sondern auch ein Symbol für die wachsenden Spannungen zwischen Exekutive und Judikative in den USA. Seine Äußerungen werfen grundsätzliche Fragen über die Zukunft der Gewaltenteilung in einem Land auf, das sich traditionell als Vorreiter der Demokratie sieht.