Es ist ein Klischee, dass die Versicherungsbranche an den Klimawandel glaubt. Doch genauso verhält es sich mit Bergführern, die täglich mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert sind. Seit Mai beginnt am Mount Rainier in Washington – dem beliebtesten technischen Kletterberg der USA – die Bergsaison. Doch für viele Führungsunternehmen steht bereits fest: Die Saison 2026 könnte deutlich kürzer ausfallen als bisher.
Jonathon Spitzer, Betriebsleiter des renommierten Bergführungsunternehmens Alpine Ascents, das seit 2006 Touren auf den Rainier anbietet, bestätigt diese Entwicklung: „Früher führten wir unsere Saison meist bis Ende September durch. In vier der letzten fünf Jahre mussten wir jedoch bereits um den Labor Day herum aufhören.“ Grund dafür sind schlechte Schneebedingungen – ein Verlust von etwa 20 Prozent der historischen Saison.
Warum Schneemangel die Kletterrouten gefährlich macht
Im Frühling und Sommer, wenn die meisten der jährlich rund 10.000 Bergsteiger den Gipfel anstreben, sind die Wetterbedingungen zwar milder, die Lawinengefahr sinkt und Spalten bleiben meist bedeckt. Doch idealerweise sollte der Berg noch immer hart gefroren sein. Ein stabiler Schneeuntergrund gibt Steigeisen und Eispickeln Halt, ermöglicht das sichere Begehen steiler Hänge und reduziert das Risiko von Eis- und Steinschlägen. Doch genau dieser feste Untergrund schwindet.
Wenn Kletterer stattdessen auf losen Schutt, Matsch oder blankem Gletschereis unterwegs sind – normalerweise von Schnee bedeckt und extrem rutschig –, steigt die Unfallgefahr deutlich. Die Kryosphäre, also die dauerhaft gefrorenen Gebiete der Erde, erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Der Mount Rainier hat seit 1896 die Hälfte seines Eises verloren, wobei der Großteil dieser Schmelze in den letzten Jahren stattfand. Drei seiner 29 Gletscher sind seit 2021 verschwunden. Forscher stellten im vergangenen Herbst sogar fest, dass der 4.392 Meter hohe Berg heute zehn Fuß niedriger ist als 1998. Anstelle des höchsten Punkts, einem Eispfropfen, ragt nun ein Felsvorsprung empor.
Frühlingswetter entscheidet über die ganze Saison
Für Bergführer wie Spitzer ist das Wetter im April und Mai entscheidend für den Verlauf der gesamten Saison. Idealerweise bringen Frühjahrsstürme den Schnee, der für die Sommertouren benötigt wird. „Was im Dezember, Januar oder Februar passiert, ist eigentlich egal“, erklärt Spitzer. „Winterschnee ist trocken und wird vom Gipfel weggeweht, statt sich anzusammeln.“
Alpine Ascents hatte letzte Woche Guides auf dem Gipfel, die von viel Schnee in den oberen Lagen berichteten. Doch Spitzer bleibt skeptisch: „Der April war extrem trocken, und der Mai sieht bisher nicht besser aus.“
Die Temperaturen in der Region Puget Sound liegen derzeit 20 bis 25 Grad über dem Durchschnitt – ein weiterer Beleg für den ungewöhnlich warmen Winter und die anhaltende Schneedürre im Westen der USA. Die Schneewassermenge in den Gebirgsbecken der Kaskadenkette beträgt nur noch 29 Prozent des historischen Mittelwerts. Dieser Wert ist entscheidend für die Wasserversorgung, den Abfluss und die Planung von Bergtouren.
„Die Bedingungen am Mount Rainier werden immer unberechenbarer. Wir müssen uns anpassen, sonst wird die Bergsaison für unsere Kunden bald nicht mehr sicher.“
— Jonathon Spitzer, Betriebsleiter Alpine Ascents
Gletscherschwund gefährdet die Zukunft des Bergsteigens
Die dramatischen Veränderungen am Mount Rainier sind kein Einzelfall. Weltweit schmelzen Gletscher in atemberaubendem Tempo. Für Bergsteiger bedeutet das nicht nur kürzere Saisons, sondern auch höhere Risiken. Instabile Schneedecken, plötzlich auftretende Spalten und veränderte Wetterbedingungen machen die Routen unberechenbar. Experten warnen, dass ohne drastische Klimaschutzmaßnahmen viele klassische Kletterrouten in wenigen Jahrzehnten nicht mehr begehbar sein könnten.
Bergführer und Naturschützer fordern daher eine stärkere Sensibilisierung für die Folgen des Klimawandels. Gleichzeitig passen sie ihre Tourenpläne an die neuen Gegebenheiten an – etwa durch frühere Saisonstarts oder alternative Routen. Doch eines ist klar: Der Mount Rainier, einst Symbol für sichere Hochtouren, wird für Bergsteiger zunehmend zur Herausforderung.