An einem Apriltag, als der Himmel mit Wolken durchzogen war und der Boden nach dem Winter endlich auftaute, verwandelte sich eine nasse Straße in Cumberland, Maine, in eine lautstarke Amphibien-Autobahn. Zuerst waren es nur vereinzelte hohe Pieptöne, ähnlich dem Zwitschern von Küken. Doch innerhalb weniger Minuten gesellten sich Dutzende, dann Hunderte hinzu. Ihr Chor wurde von tiefen Gluckslauten durchzogen. Als die Sonne unterging und der Regen auf die Straße prasselte, erreichte das Konzert einen ohrenbetäubenden Pegel.

Autos hielten am Straßenrand, Menschen in neonfarbenen Westen strömten auf die Fahrbahn und schwangen leuchtstarke Taschenlampen. Sie verteilten sich, riefen sich zu und koordinierten ihre Bewegungen wie Gäste auf einer lebhaften Cocktailparty. „Ich habe ein großes Exemplar!“, rief ein Mädchen im gelben Regenmantel. Sie hielt ihre behandschuhte Hand hoch, während sich andere Freiwillige um sie scharten. Auf ihrer Handfläche lag ein gelb gefleckter Salamander von etwa 23 Zentimetern Länge, sein glatter Schwanz hing zwischen ihren Fingern.

Die uralte Wanderung der Amphibien

Jedes Jahr im Frühling, wenn die ersten warmen, feuchten Nächte kommen und der Boden aufgetaut ist, brechen unzählige Frösche und Salamander aus den Wäldern auf. Sie folgen den gleichen Routen wie ihre Vorfahren zu den Vernalpools – temporären Frühlingsgewässern, in denen sie ihre Eier ablegen. Dabei kommunizieren sie durch Rufe: „Sie rufen den Tieren zu, die noch im Wald sind, und locken sie herbei“, erklärt Penny Asherman, Leiterin des Chebeague and Cumberland Land Trust.

Seit einem Jahrzehnt zieht das als „Big Night“ bekannte Ereignis Dutzende Freiwillige an, die alles stehen und liegen lassen, um den Amphibien bei ihrer gefährlichen Wanderung zu helfen. Doch der Klimawandel stört diese uralte Reise zunehmend. Die Wanderung beginnt unberechenbarer, wird lebensgefährlicher und ist durch den Verlust saisonaler Feuchtgebiete bedroht. Die Freiwilligen haben sich daher zu Bürgerwissenschaftlern entwickelt, die dokumentieren, wann die Tiere wandern und wie viele die gefährliche Passage überleben.

Citizen Science hilft beim Artenschutz

Koordiniert durch Maine Big Night, fand die diesjährige Aktion am 14. April statt. Die gesammelten Daten verändern bereits, wie Gemeinden über Entwässerungssysteme, Straßenbau und andere Infrastrukturprojekte entscheiden. Früher beschränkte sich die Arbeit der Freiwilligen darauf, die Tiere sicher über die Straße zu tragen. Doch seit 2018 die gemeinnützige Organisation Big Night Maine gegründet wurde, sammeln sie systematisch Daten.

In diesem Jahr meldeten über 1.200 Beobachter an 650 Wanderrouten im gesamten Bundesstaat ihre Beobachtungen. Tim Kaijala nimmt seit sieben Jahren mit seinen Kindern Theo (10) und Kai (8) teil. „Der wissenschaftliche Aspekt ist wirklich spannend“, sagt er. „Am Anfang ging es nur darum, Frösche und Salamander über die Straße zu tragen. In den letzten Jahren geht es mehr um das Zählen und Protokollieren.“ Während er sprach, beobachteten Theo und Kai einen Waldfrosch, den sie gerade über die Straße getragen hatten, wie er durch das klare Wasser eines Tümpels schwamm. „Erinnerst du dich noch an damals, Theo?“, fragte Kai. Theo nickte.

Klimawandel gefährdet die Wanderung

Die Veränderungen durch den Klimawandel machen den Amphibien das Überleben schwerer. Unberechenbare Wetterbedingungen führen dazu, dass die Wanderung zu früh, zu spät oder gar nicht stattfindet. Trockenperioden lassen die Vernalpools verschwinden, während starke Regenfälle die Straßen zu tödlichen Hindernissen machen. Die gesammelten Daten helfen nun dabei, Schutzmaßnahmen zu entwickeln – etwa den Bau von Amphibientunneln oder die Anpassung von Straßenentwässerungssystemen.

„Früher war es eine spontane Aktion“, sagt Penny Asherman. „Heute ist es eine strukturierte Datenerfassung, die uns hilft, die Tiere langfristig zu schützen.“

Quelle: Grist