Tragödie als Spielwiese für Prognosen
Das US-Magazin Forbes hat einen aktuellen Artikel über den brutalen Mord an acht Kindern in Louisiana mit einem interaktiven Prognose-Tool kombiniert. Leser wurden aufgefordert, vorherzusagen, ob der US-Kongress bis Ende 2026 strengere Waffengesetze verabschieden wird. Die Funktion namens ForbesPredict wirft erneut Fragen über die ethische Grenzen von Medienformaten auf.
Hintergrund: Der Massenmord in Shreveport
Am vergangenen Sonntag tötete der 31-jährige Shamar Elkins in einer Serie von Angriffen an drei verschiedenen Orten in Shreveport, Louisiana, acht Kinder im Alter von einem bis 14 Jahren – darunter sieben seiner eigenen Kinder. Die Polizei erschoss den Täter im Anschluss. Medienberichten zufolge litt Elkins an psychischen Problemen und hatte Suizidgedanken geäußert.
ForbesPredict: Prognosen ohne finanziellen Anreiz
Der Artikel fasste zunächst die Berichte von Associated Press und New York Times zusammen. Anschließend folgte der Aufruf zur Teilnahme an der Prognose:
„Wird der Kongress bis zum 31. Dezember 2026 neue Waffensicherheitsgesetze verabschieden?“
Das Tool funktioniert ähnlich wie andere Prognosemärkte wie Kalshi oder Polymarket, allerdings ohne monetäre Gewinne. Nutzer erhalten stattdessen Tokens, die innerhalb des Systems Status und Vorteile freischalten. Eine tägliche Login-Belohnung von 800 Tokens soll die Nutzerbindung erhöhen.
So funktioniert das Prognose-Tool
- Kosten für eine Prognose: 100 Tokens
- Kosten für einen Hinweis: 10 Tokens
- Beispiel: Eine Prognose zur Verabschiedung von Waffengesetzen kostete 100 Tokens und wurde mit einer 18-prozentigen Wahrscheinlichkeit bewertet.
- Ein weiteres Beispiel: Die Prognose, ob Donald Trump Ghislaine Maxwell begnadigen würde, zeigte eine 61-prozentige Chance – basierend auf Trumps Aussagen zur eigenen Entscheidungsgewalt.
Kritik an ethisch fragwürdiger Umsetzung
Die Journalistin Molly White, bekannt für ihre Arbeit bei Citation Needed, entdeckte das Tool und kritisierte auf Bluesky, dass Forbes eine Tragödie für interaktive Unterhaltung nutze. Die Kombination aus Berichterstattung über Kindermorde und einem spielerischen Prognose-Tool löste Empörung aus.
Forbes‘ Strategie: Nutzerbindung statt Reichweite
Forbes startete ForbesPredict im Januar 2024 als Teil einer Strategie, um rückläufige Suchmaschinen-Traffic zu kompensieren und Nutzer länger auf der Website zu halten.
„KI verändert grundlegend, wie Menschen Informationen konsumieren – dieser Wandel ist bereits deutlich sichtbar.“Nina Gould, Chief Innovation Officer bei Forbes, betonte, dass es nicht um Skalierung, sondern um vertiefte Nutzerbindung gehe.
„ForbesPredict gibt unseren Lesern einen Grund zurückzukehren, mitzuwirken und ihre Gedanken einzubringen – nicht nur Schlagzeilen zu konsumieren.“
Kritiker sehen darin jedoch eine Instrumentalisierung von Tragödien für kommerzielle Zwecke. Die Frage bleibt: Darf Medienunterhaltung über die Grenzen des Anstands hinausgehen?