Über 80 % der Beschäftigten in der Personalabteilung sind Frauen. Als ich diese Zahl zum ersten Mal las, verblüffte mich nicht die Statistik selbst, sondern wie selbstverständlich mein Gehirn sie akzeptierte. Natürlich ist HR überwiegend weiblich – schließlich geht es hier um Menschen, Kultur und Gefühle. Um die 'fürsorgliche' Abteilung. Doch genau in diesem Moment wurde mir klar: Die Zahl offenbart nicht nur eine Branchenrealität, sondern auch meine eigenen Vorurteile darüber, welche Arbeit als 'weiblich' gilt und wer dabei unsichtbar bleibt.

Die Rolle des Chief Human Resources Officer (CHRO) gehört zu den anspruchsvollsten im Führungsteam. Einerseits soll sie die emotionale Infrastruktur des Unternehmens sein: Sie muss die Menschlichkeit der Mitarbeiter:innen bewahren, Raum für Trauer und Wachstum bieten und die Unternehmenskultur zusammenhalten. Andererseits ist sie gleichzeitig die Compliance-Schutzmauer – verantwortlich für Untersuchungen, Kündigungen und rechtliche Absicherung – oft gegen diejenigen, die sie eigentlich vertreten soll. Fürsorge für die Menschen, Schutz für das Geschäft. Eine klassische Double Bind-Situation, die historisch entsprechend schlecht bezahlt wird.

Doch diese Zerreißprobe ist nicht allein die Last der CHROs. Jede Führungskraft, die versucht, echte Gemeinschaft im Unternehmen zu fördern, stößt auf eine ähnliche Herausforderung. Die Forschung ist eindeutig: Gemeinschaft am Arbeitsplatz steigert Engagement, Bindung und Leistung. Doch die gängige Führungstheorie produziert keine Gemeinschaft – sie produziert Effizienz, Tempo und Skalierbarkeit. Sie belohnt, was erreicht wird, nicht, was gehalten wird. Das Ergebnis? Eine Führungsetage, die über Kultur spricht, aber Geschwindigkeit praktiziert – und sich dann wundert, warum die Teams darunter sich unversorgt fühlen.

Die 'maskuline Reinigung': Warum Führung eine neue Perspektive braucht

In einer aktuellen Folge des From the Culture-Podcasts diskutieren wir diese Spannung mit Felicity Fellows. Sie hat TEDx von einem kleinen Sydney-Projekt zu einer globalen Gemeinschaft von Denker:innen ausgebaut – eine Leistung, die verlangte, das Unfassbare (Zugehörigkeit) in ein übertragbares System zu verwandeln. Im Gespräch erwähnte sie beiläufig, dass sie sich nach einer Phase intensiver Arbeit und persönlicher Krisen einer sogenannten 'maskulinen Reinigung' unterzogen habe. Nicht als Verzicht auf Männer, sondern als Befreiung von einer bestimmten Art zu sein. Dieser Satz traf wie eine Bombe – denn genau das brauchen die meisten Organisationen: eine Abkehr von starren Denkmustern.

Eine 'maskuline Reinigung' ist keine Männer-Reinigung. Mein Co-Moderator Amanda Slavin brachte es im Podcast auf den Punkt: Es geht nicht darum, Männer aus der Führung zu verbannen, sondern darum, die Arbeitswelt von überholten Mustern zu befreien. Die Begriffe 'maskulin' und 'feminin' beschreiben hier keine Geschlechterrollen, sondern psychologische Register, die jede:r Mensch – unabhängig vom Geschlecht – nutzt. Das Problem ist nicht das maskuline Register selbst, sondern dass wir die Arbeitswelt fast ausschließlich darin gestaltet haben. Kein Wunder, dass diejenigen, die Gemeinschaft schaffen sollen, dafür kaum fair bezahlt werden.

Gemeinschaft statt Effizienz: Die Zukunft der Führung

Die Arbeitswelt wurde von Systemen geprägt, die auf Kontrolle, Geschwindigkeit und Skalierbarkeit setzen. Doch diese Systeme ignorieren, was Menschen wirklich brauchen: Verbindung, Sinn und Sicherheit. Eine Führung, die nur auf Effizienz setzt, produziert Burnout und Fluktuation. Eine Führung, die Gemeinschaft zulässt, schafft Resilienz und Innovation.

Die Lösung liegt nicht darin, das Maskuline zu verwerfen, sondern es mit dem Femininen zu balancieren. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Emotionen genauso wichtig sind wie Daten, in denen Fürsorge genauso wertgeschätzt wird wie Leistung. Die 'maskuline Reinigung' ist kein Angriff auf die bestehende Ordnung, sondern eine Einladung, sie zu erweitern – hin zu einer Arbeitswelt, die sowohl menschlich als auch erfolgreich ist.

„Wir haben die Arbeitswelt nach Prinzipien gebaut, die Gemeinschaft ausschließen. Jetzt wundern wir uns, warum die Menschen unglücklich sind.“
Felicity Fellows, TEDx-Gründerin

Was Führungskräfte jetzt tun können

  • Bewusstsein schaffen: Erkennen Sie, wo Ihre Führung von starren Denkmustern geprägt ist – und wo Sie Raum für neue Perspektiven lassen können.
  • Gemeinschaft fördern: Investieren Sie in Strukturen, die Verbindung ermöglichen – von Mentoring-Programmen bis zu sicheren Räumen für emotionale Auseinandersetzung.
  • Fürsorge sichtbar machen: Belohnen Sie nicht nur Ergebnisse, sondern auch die Art und Weise, wie Teams zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen.
  • Diversität leben: Eine Führungsetage, die verschiedene psychologische Register repräsentiert, schafft ausgewogenere Entscheidungen.