Von der Vision zur Realität: Wie die Klimapolitik in den USA umgedacht wird

Vor acht Jahren prägte ein einfacher Slogan die Umweltbewegung: Green New Deal. Was als politisches Schlagwort begann, entwickelte sich zu einer umfassenden Agenda, die Jobs schaffen, soziale Gerechtigkeit fördern und den Klimawandel durch massive öffentliche Investitionen bekämpfen sollte – inspiriert vom New Deal der 1930er-Jahre. Der Begriff verbreitete sich von Protestschildern bis in die politischen Entscheidungszentren und beeinflusste lokale wie nationale Politik.

Progressive Kräfte drängten sogar den späteren Präsidenten Joe Biden, im Vorfeld der Wahl 2020 ambitionierte Klimapläne umzusetzen. Doch der Kongress reduzierte diese Pläne auf den Inflation Reduction Act – ein Gesetzespaket mit grünen Steuergutschriften und Anreizen, das als erste umfassende Klimapolitik der USA galt. Bis die Republikaner unter Präsident Donald Trump das Gesetz 2023 weitgehend aushebelten. Die demokratische Partei stand vor der Frage: Wie lässt sich Klimapolitik überhaupt noch vermitteln?

Die neue Strategie: Klimaschutz durch Bezahlbarkeit

Die Antwort der Progressiven scheint gefunden: Sie setzen nun auf „Affordability“ – bezahlbare Lösungen für den Alltag. Ein neues Konzept, vorgestellt vom Climate and Community Institute, einem linksgerichteten Thinktank, zielt darauf ab, die Kosten für Bürger:innen zu senken. Dazu gehören unter anderem:

  • Deckelung der Wohngebäudeversicherungsprämien
  • Verbot von Stromsperren
  • Kostenlose öffentliche Verkehrsmittel
  • Moratorium für energieintensive Rechenzentren
  • Regulierung von Konzernen, die Klimawandel und Teuerung vorantreiben

Das Konzept firmiert unter dem Namen „Working-Class Climate Agenda“ – eine grüne Wirtschaftspolitik, die soziale Entlastung mit Klimaschutz verbindet. Die Initiator:innen haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: Der Green New Deal scheiterte an mangelnder politischer Durchsetzungskraft, der Inflation Reduction Act brachte zu langsam spürbare Entlastungen für die arbeitende Bevölkerung.

„Wir sind alle vom Green New Deal und seiner Strahlkraft inspiriert. Doch heute stehen wir in einer völlig anderen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lage.“
Patrick Bigger, Forschungsdirektor am Climate and Community Institute

Klimawandel als Kostenfaktor: Warum Bezahlbarkeit zum Schlüssel wird

Die Prioritäten der US-Bürger:innen haben sich verschoben: Laut Umfragen sorgen sich die meisten vor allem um steigende Lebenshaltungskosten – von Mieten über Gesundheitsausgaben bis hin zu Energiekosten. Doch viele dieser Kosten hängen direkt mit dem Klimawandel zusammen. Hitzewellen vernichten Ernten, Extremwetter treibt Energiepreise und Versicherungskosten in die Höhe. Eine Studie des Brookings Instituts aus dem vergangenen Jahr zeigt: Die Folgen der Erderwärmung – von Waldbrandrauch bis zu Überschwemmungen – belasten den durchschnittlichen Haushalt jährlich mit 219 bis 571 US-Dollar.

Mit dem aktuellen Konflikt im Iran und den damit verbundenen steigenden Ölpreisen wird die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen einmal mehr als wirtschaftliches Risiko sichtbar. Diese Situation bietet eine Chance, die neue Klimastrategie voranzutreiben, sagt Daniel Aldana Cohen, Soziologe an der University of Pennsylvania.

Fazit: Klimapolitik muss sozial gerecht sein

Die US-Klimabewegung hat erkannt: Ohne direkte Entlastung für die Bevölkerung lässt sich Klimaschutz politisch nicht durchsetzen. Die neue Strategie setzt auf bezahlbare Maßnahmen, die gleichzeitig Emissionen reduzieren und soziale Ungleichheit bekämpfen. Ob dieser Ansatz erfolgreich ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen – doch eines ist klar: Die Debatte um Klimapolitik hat sich grundlegend verändert.

Quelle: Grist