Extreme Regenfälle und Schneeschmelze in Nord-Michigan haben im April zu Rekordwasserständen geführt und die maroden Staudämme des Bundesstaates an ihre Belastungsgrenze gebracht. In der Kleinstadt Cheboygan stand das Wasser am 16. April nur noch fünf Zentimeter vom Überlaufen des Cheboygan Dam entfernt – eine Situation, die fast Evakuierungen auslöste. Ähnliche Szenen spielten sich in Bellaire ab, wo Einsatzkräfte rund 1.000 Sandsäcke einsetzten, um einen über hundert Jahre alten Damm zu stabilisieren.

Experten wie Richard Rood, emeritierter Professor für Klimawandel an der University of Michigan, warnen:

„Dies darf nicht als Extremfall betrachtet werden. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was uns in Zukunft regelmäßig erwarten wird.“

Die Vorfälle unterstreichen die wachsenden Risiken für die US-weite Infrastruktur. Die meisten der rund 92.000 Staudämme in den USA sind im Schnitt 64 Jahre alt und wurden für Niederschlagsmuster konzipiert, die heute nicht mehr gelten. Etwa 18 % gelten als hochgefährlich – ein Versagen könnte Menschenleben kosten. Die Association of State Dam Safety Officials schätzt, dass die Sanierung aller maroden Dämme in den USA über 165 Milliarden US-Dollar kosten würde. In Michigan beläuft sich der Bedarf auf etwa eine Milliarde US-Dollar.

Angesichts der hohen Kosten stehen betroffene Gemeinden vor schwierigen Entscheidungen. Während einige Dämme durch Modernisierungen an die neuen Klimabedingungen angepasst werden können, ist die Stilllegung oft die kostengünstigere und nachhaltigere Lösung. Bob Stuber, Geschäftsführer der Michigan Hydro Relicensing Commission, betont:

„Jede Gelegenheit, einen alten Damm zu entfernen, sollten wir nutzen. Die Situation wird sich nicht verbessern – sie wird sich verschlimmern.“

Doch der Rückbau stößt häufig auf Widerstand, da Anwohner und Gemeinden oft von den durch die Dämme entstandenen Stauseen profitieren. In Traverse City hat man sich dennoch für die Stilllegung entschieden: 2024 wurde der Union Street Dam am Boardman-Ottaway River entfernt, um im Rahmen eines langfristigen Renaturierungsprojekts – inklusive des neuen FishPass, der nützliche Fischarten passieren lässt und schädliche Arten wie das Meerneunauge blockiert – die Flutgefahren zu reduzieren. Ingenieure gehen davon aus, dass die Entfernung des Damms die Auswirkungen der jüngsten Überschwemmungen deutlich abgemildert hat. Ohne die Maßnahme wäre der Wasserstand oberhalb des Damms vermutlich um zwei Fuß höher gewesen – mit verheerenden Folgen.

Die jüngsten Ereignisse in Michigan haben lokale Verantwortliche, Damm-Experten und Klimaforscher alarmiert. Sie fordern strengere Sicherheitsvorschriften und eine beschleunigte Sanierung oder Stilllegung alter Dämme, bevor weitere „Beinahe-Katastrophen“ eintreten.

Quelle: Grist