Vor etwa 59.000 Jahren lebte in den unwirtlichen Altai-Bergen im südwestlichen Sibirien ein Neandertaler. Seine Umgebung war geprägt von eiszeitlichen Tieren wie Wollnashörnern und Höhlenhyänen. Doch der Neandertaler hatte ein Problem: Ein Backenzahn in der linken unteren Kieferhälfte war faulig und schmerzte.

Für uns moderne Menschen ist ein Zahnarztbesuch unangenehm, aber notwendig. Doch wie die kürzlich im Fachmagazin PLOS One veröffentlichte Studie nahelegt, könnte dieser Neandertaler bereits selbst einen „Zahnarzt“ gehabt haben. Die Forscher analysierten den stark beschädigten Molar und entdeckten eine ungewöhnlich tiefe Vertiefung in der Zahnkrone. Sie deuten dies als Hinweis auf die früheste bekannte Zahnbehandlung der Menschheitsgeschichte – und damit auf eine medizinische Praxis, die weit älter ist als bisher angenommen.

Eine umstrittene These

Bisher galt ein Fund aus dem Jahr 2017 als ältester Nachweis einer Zahnbehandlung: Damals entdeckten Archäologen bei Homo sapiens aus Marokko Hinweise auf eine Zahnbehandlung vor etwa 14.000 Jahren. Die neue Studie würde diesen Rekord um mehr als 45.000 Jahre zurückverlegen – und zudem eine andere Menschenart ins Rampenlicht rücken: den Neandertaler.

Lange Zeit galten Neandertaler als primitive, gewalttätige Jäger. Doch Funde der letzten Jahrzehnte zeigen, dass sie über komplexe Fähigkeiten verfügten, darunter die Herstellung von Werkzeugen, die Nutzung von Feuer und sogar symbolisches Denken. Die aktuelle Studie unterstreicht nun, dass sie möglicherweise auch medizinische Kenntnisse besaßen – zumindest in Ansätzen.

Kritik an der Interpretation

Doch nicht alle Experten teilen die Begeisterung der Forscher. José María Bermúdez de Castro, Paläoanthropologe am University College London, hält die Beweislage für nicht ausreichend. In einer E-Mail an die New York Times erklärte er, dass die Vertiefung im Zahn auch durch natürliche Abnutzung oder das Benutzen von Zahnstochern entstanden sein könnte.

„Dies könnte ein weiterer Fall von Zahnpflege durch Zahnstocher sein – ohne gezielte medizinische Eingriffe anderer Individuen. Eine solche ‚Behandlung‘ wäre extrem schmerzhaft gewesen, ohne Betäubung.“

Bermúdez de Castro verweist auf ähnliche Funde bei anderen frühen Menschenarten, bei denen Zahnveränderungen durch Zahnstocher dokumentiert wurden. Seiner Meinung nach haben die Autoren der Studie „aus einer Mücke einen Elefanten gemacht“.

Was bedeutet der Fund?

Unabhängig von der Interpretation wirft der Fund neue Fragen auf: Besaßen Neandertaler tatsächlich medizinische Kenntnisse? Gab es unter ihnen bereits Ansätze zur Schmerzlinderung oder sogar einfache chirurgische Eingriffe?

Die Debatte zeigt, wie schnell neue Erkenntnisse alte Vorstellungen über den Haufen werfen. Während einige Forscher die Studie als bahnbrechend feiern, mahnen andere zur Vorsicht. Eines ist jedoch sicher: Die Geschichte der Zahnmedizin beginnt möglicherweise viel früher, als bisher angenommen.

Quelle: Defector