Peter Thiel, der Milliardär und Mitgründer von PayPal, hat bereits 2016 mit der Finanzierung der Klage gegen das Online-Magazin Gawker Schlagzeilen gemacht. Damals argumentierte er, er habe nicht die Pressefreiheit insgesamt angegriffen, sondern gezielt ein Medienunternehmen, das durch gezielte Bloßstellungen und fehlende öffentliche Relevanz auffiel. In einem Interview mit der New York Times erklärte er:

„Ich sah bei Gawker eine einzigartige und extrem schädliche Methode, Aufmerksamkeit zu generieren – durch Mobbing, selbst wenn es keinerlei Verbindung zum öffentlichen Interesse gab. Hätte ich Gawker nicht als Ausnahmefall betrachtet, hätte ich mich nie dafür eingesetzt. Wäre die gesamte Medienlandschaft ähnlich gewesen, wäre das wie der Versuch, einen Ozean zum Kochen zu bringen.“

Zehn Jahre später setzt Thiel nun auf ein noch ambitionierteres Projekt: Objection.ai, eine von ihm finanzierte Plattform, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz und einem Team ehemaliger Geheimdienst- und Justizmitarbeiter ein paralleles „Rechtssystem“ aufbauen will. Das Ziel: Medienberichte schnell, günstig und ohne klassische Gerichtsverfahren anfechten zu können – und damit die Pressefreiheit weiter einzuschränken.

Wie funktioniert Objection.ai?

Die Plattform verspricht eine „schnelle und erschwingliche Methode, um Medienberichte anzufechten“. Der Ablauf ist simpel:

  • Jeder Nutzer kann eine „Einwendung“ gegen einen Artikel oder eine Aussage einreichen.
  • Ein Team aus ehemaligen Mitarbeitern von CIA, FBI und britischen Geheimdiensten untersucht den Fall.
  • Die betroffene Redaktion oder der Journalist erhält die Möglichkeit zur Stellungnahme.
  • Die Ergebnisse werden an ein KI-Modell übergeben, das ein „Urteil“ fällt.
  • Beide Seiten werden aufgefordert, sich auf ein schiedsgerichtliches Verfahren zu einigen, dessen Konsequenzen jedoch unklar bleiben.

Die Kosten für dieses Verfahren sollen bei rund 2.000 US-Dollar liegen – deutlich weniger als die Honorare für Krisenkommunikationsexperten. Objection.ai wirbt damit, dass selbst kleine Akteure oder Einzelpersonen damit gegen Medien vorgehen könnten.

Erste Fälle: Von der New York Times bis zur britischen Boulevardpresse

Die ersten Anfechtungen richten sich gegen etablierte Medienhäuser und Journalisten:

  • New York Times: Berichterstattung über die Verbindungen von David Sacks, ehemaliger PayPal-COO und Trumps „Krypto- und KI-Berater“, zu Silicon-Valley-Unternehmen.
  • Wall Street Journal: Enthüllungen über eine Zeichnung von Donald Trump in Jeffrey Epsteins Geburtstagsbuch (ein Fall, der kürzlich von einem Bundesgericht abgewiesen wurde).
  • Hannah Broughton (Mirror, UK): Aggregierte Berichterstattung über Vorwürfe, Amazon-Mitarbeiter hätten weitergearbeitet, während ein Kollege tot in einem Lagerhaus lag.
  • Candace Owens und Bernie Sanders: Auch Social-Media-Persönlichkeiten und Politiker sind bereits Ziel von Einwendungen.

„Fakten zählen, wenn jemand sie durchsetzt“ – Die Ideologie hinter Objection.ai

Die Betreiber von Objection.ai machen kein Geheimnis daraus, dass ihr Projekt gegen kritische Medien gerichtet ist. Aron D’Souza, Mitgründer und enger Vertrauter Thiels, schreibt auf der Unternehmenswebsite:

„Gawker war nicht einzigartig. Es war lediglich das erste große Medienunternehmen, das im Zeitalter von Klicks, Empörung und algorithmischer Verstärkung an der Realität gemessen wurde. Seitdem hat sich dieses strukturelle Versagen überall ausgebreitet.“

Weiter heißt es:

„Peter Thiel und ich haben nicht nur gegen Gawker gekämpft – wir haben bewiesen, dass Fakten noch zählen, wenn jemand bereit ist, sie durchzusetzen.“

Kritiker sehen in Objection.ai jedoch einen gefährlichen Präzedenzfall: Ein privates, intransparentes System, das ohne richterliche Kontrolle arbeitet und Journalisten durch hohe Kosten oder Reputationsschäden einschüchtern könnte. Besonders brisant ist die Beteiligung ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, deren Methoden oft undurchsichtig sind.

Rechtliche Grauzone: Umgehung der Pressefreiheit?

Experten warnen vor den Folgen. Pressefreiheit basiert auf dem Grundsatz, dass Gerichte über die Rechtmäßigkeit von Berichterstattung entscheiden – nicht private Schiedsstellen oder KI-Systeme. Die Erste Zusatzartikel der US-Verfassung (First Amendment) schützt Medien vor staatlicher Zensur, doch private Initiativen wie Objection.ai könnten ähnliche Effekte haben.

Zudem bleibt unklar, wie die KI zu ihren Urteilen kommt. Trainiert sie auf bestimmten Daten? Wer kontrolliert die Algorithmen? Und welche Konsequenzen drohen bei einer Verurteilung? Die Plattform gibt darauf keine klaren Antworten.

Ein Sprecher von Objection.ai betonte gegenüber Medien, man wolle „Transparenz und Fairness“ fördern. Doch die ersten Fälle zeigen: Es geht weniger um objektive Faktenchecks als um die gezielte Unterdrückung unliebsamer Berichterstattung.

Fazit: Ein neues Kapitel im Kampf gegen die Pressefreiheit?

Peter Thiels Projekt Objection.ai könnte ein weiterer Schritt in der Erosion der Pressefreiheit sein. Mit KI-gestützter Zensur und einem Netzwerk ehemaliger Geheimdienstler schafft er ein System, das Medien unter Druck setzt – und das zu einem Bruchteil der Kosten klassischer Klagen. Ob dies vor Gericht Bestand hat, bleibt abzuwarten. Fest steht: Die Methoden sind umstritten, und die Folgen für den Journalismus könnten weitreichend sein.

Quelle: Coda Story