Die Kolumne „Your Mileage May Vary“ bietet ein einzigartiges Framework, um moralische Dilemmata zu durchdenken. Grundlage ist der Wertepluralismus – die Idee, dass jeder Mensch mehrere gleichwertige, aber oft widersprüchliche Werte in sich trägt. Fragen können anonym eingereicht werden.

Diese Woche erreichte uns folgende Frage eines Lesers, gekürzt und sprachlich überarbeitet:

Wir preisen die Natur als heilig an – doch jede große Errungenschaft, jede Geschichte, jede Tasse Kaffee dient einzig uns selbst. Wenn das Überleben der Menschheit auf Kosten aller anderen Lebewesen geht, wenn diese Heuchelei offensichtlich ist und wir alle davon wissen… Wie soll ich dann noch jemandem in die Augen blicken oder mich wohlfühlen, wenn jede menschliche Handlung die Welt zerstört, die uns hervorgebracht hat? Ich habe die Lust verloren. Ich weiß, das klingt kindisch. Aber die Fakten sind eindeutig: Was tun wir als Spezies anderes, als den perfekten Konsumenten zu erschaffen – auf Kosten der Welt? Wir sind süchtig nach dem „Selbst“, und ehrlich gesagt ekelt es mich, ein Mensch zu sein.

Die Antwort: Zwischen Ekel und Trauer

Lieber „anti-menschlicher Mensch“,
Hinter deinem Ekel, deiner Wut und deinem Hass stecken wahrscheinlich viel weichere Gefühle: Enttäuschung, Trauer und Zukunftsangst. Doch diese zuzulassen, macht uns verletzlich. Es ist einfacher, sie zu überspringen und direkt in den Hass zu fallen. Über die Menschheit zu urteilen, ist kein Vergnügen – doch es gibt uns das Gefühl moralischer Überlegenheit. Deshalb überrascht es nicht, dass sich die Menschheit seit jeher selbst verachtet.

Bereits im 17. Jahrhundert vor Christus projizierten Menschen ihren Selbstekel auf die Götter und erdachten Flutmythen, in denen die Menschheit als so abscheulich galt, dass nur wenige gerettet wurden – etwa Noahs Familie in der biblischen Erzählung. Seither erlebt der Anti-Humanismus immer wieder Aufschwünge, besonders in Zeiten globaler Katastrophen: von der Pest im 14. Jahrhundert über die Religionskriege im 17. Jahrhundert bis hin zum Atomzeitalter im 20. Jahrhundert.

Die Klimakrise und der neue Selbsthass

Heute, in der vom Menschen verursachten Klimakrise, erlebt der Anti-Humanismus eine Renaissance – besonders bei einer lauten Minderheit von Umweltaktivisten, die das Ende der zerstörerischen Spezies Homo sapiens herbeisehnen. Selbst die „Voluntary Human Extinction Movement“ fordert, die Fortpflanzung einzustellen, um die Menschheit aussterben zu lassen.

Doch ist diese Haltung wirklich hilfreich? Oder führt sie nur in eine Sackgasse aus Resignation und Zynismus?

Was bleibt, wenn der Ekel überwiegt?

  • Erkenne die Gefühle hinter dem Ekel: Trauer über verlorene Natur, Wut über menschliche Gier – diese Emotionen sind legitim und verdienen Raum.
  • Handeln statt resignieren: Selbst kleine Schritte wie nachhaltiger Konsum oder politisches Engagement können das Gefühl der Ohnmacht überwinden.
  • Verbinde dich mit Gleichgesinnten: Der Austausch mit Menschen, die ähnliche Werte teilen, stärkt die Hoffnung auf Veränderung.
  • Akzeptiere die Ambivalenz: Die Menschheit ist sowohl Zerstörer als auch Schöpfer – diese Dualität auszuhalten, ist der erste Schritt zur Versöhnung.

Die Frage ist nicht, ob wir die Menschheit hassen dürfen – sondern wie wir mit diesem Hass umgehen, ohne uns selbst aufzugeben.

Quelle: Vox