Für Jahrzehnte wusste die US-Regierung nicht, dass es eine mexikanische Stadt auf amerikanischem Boden gab: Rio Rico. Das 1929 gegründete Städtchen lag südlich des Rio Grande, nur eine Stunde von der Südspitze Texas entfernt. Seine Bewohner zahlten mexikanische Steuern, nutzten die Pesos als Währung und lebten nach mexikanischem Recht. Nichts deutete darauf hin, dass Rio Rico zu den USA gehören könnte – doch die Grenze lag woanders als gedacht.

Der Grund dafür war ein Fehler aus den 1920er-Jahren. Eine amerikanische Bewässerungsfirma hatte den Rio Grande eigenmächtig umgeleitet, wodurch ein Schleifenstück US-Landes südlich des neuen Flussverlaufs entstand. Nach internationalen Verträgen darf eine künstliche Flussverlagerung die Staatsgrenze nicht verschieben. Die Grenze blieb also dort, wo der Fluss einst floss – und verlief nun durch ein ausgetrocknetes Flussbett, über das sich Rio Rico ausbreitete. Die Stadt lag damit auf US-Boden, ohne dass es jemand bemerkte.

Erst in den 1960er-Jahren entdeckte ein amerikanischer Geografieprofessor den Irrtum. Die US-Behörden standen vor einem Dilemma: Eine Stadt, die jahrzehntelang wie ein mexikanisches Städtchen funktioniert hatte, gehörte nun offiziell zu den USA. Die Lösung kam 1970: Ein Vertrag stellte den Rio Grande wieder als Grenze her, und 1977 übertrug die USA das Gebiet unter Rio Rico offiziell an Mexiko. Doch die juristischen Folgen des Irrtums blieben bestehen.

In den Jahrzehnten vor der Korrektur waren in Rio Rico Kinder auf amerikanischem Boden geboren worden – darunter Homero Cantú Treviño. Als er später in die USA einreiste, drohte ihm die Abschiebung wegen eines überzogenen Visums. Seine Verteidigung war einfach: Er sei kein undokumentierter Einwanderer, sondern durch Geburt US-Bürger.

Der Fall warf eine zentrale Frage auf, die heute die Debatte um das Geburtsrecht auf US-Bürgerrecht prägt: Was bedeutet es, der „Jurisdiktion“ der USA unterworfen zu sein? Der 14. Zusatzartikel der US-Verfassung garantiert allen auf US-Boden Geborenen die Staatsbürgerschaft – doch wer gilt als „unterworfen“?

Rechtspopulisten und Einwanderungsgegner argumentieren, dass Kinder von undokumentierten Migranten nicht automatisch Bürger sein sollten, da sie nicht vollständig in die Gesellschaft integriert seien. Die Trump-Administration vertrat diese Position kürzlich vor dem Supreme Court im Fall Trump v. Barbara. Rio Rico schien der perfekte Präzedenzfall für diese Argumentation zu sein: Die Stadt wurde praktisch von Mexiko regiert, ihre Bewohner lebten unter einer anderen Souveränität, und die USA übten keine echte Kontrolle aus.

Doch der Fall zeigt auch die Absurdität einer strikten Auslegung: Cantú Treviño, der auf US-Boden geboren wurde, war nach US-Recht Bürger – unabhängig davon, ob seine Eltern legal im Land waren. Die Debatte um das Geburtsrecht bleibt damit eine der umstrittensten Fragen der US-Einwanderungspolitik.