In einem Wartesaal des Bahnhofs Fuyang in China saßen 2023 Passagiere mit Schutzmasken, um sich vor der Ausbreitung von Covid-19 zu schützen. | Sheldon Cooper/SOPA Images/LightRocket via Getty Images
Glykole sind aus dem modernen Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie stecken in Kosmetikprodukten, Lebensmitteln, Kunststoffflaschen und sogar in der Kleidung. Doch ihre Fähigkeit, Viren und Bakterien in der Luft zu neutralisieren, könnte sie zu einem entscheidenden Werkzeug im Kampf gegen künftige Pandemien machen.
Diese chemischen Verbindungen, die aus Erdöl und Erdgas hergestellt werden, sind nicht nur in Kühlsystemen oder als Frostschutzmittel im Einsatz. Wenn sie verdampft werden, inaktivieren sie Viren, Bakterien und Pilzsporen – selbst in so geringen Konzentrationen, dass sie unsichtbar, geruchlos und geschmacklos bleiben. Diese Eigenschaft könnte die Ausbreitung von Grippeviren eindämmen und sogar Pandemien verhindern, bevor sie entstehen.
Bereits seit fast einem Jahrhundert ist diese Wirkung bekannt. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Glykole bald großflächig eingesetzt werden könnten. Zu den sichersten für den menschlichen Atem gehören Propylenglykol (PG), Dipropylenglykol (DPG) und Triethylenglykol (TEG). Besonders TEG wäre kostengünstig: Die Versorgung eines Raums mit 1.000 Quadratmetern würde nur etwa 10 bis 50 Cent pro Tag kosten.
Wie genau Glykole Krankheitserreger bekämpfen, ist noch nicht vollständig geklärt. Dennoch zeigen Studien, dass sie sowohl in der Luft schwebende als auch auf Oberflächen befindliche Viren inaktivieren und die Übertragung von Atemwegserkrankungen verhindern können. Curtis Donskey, Infektionsforscher am Cleveland VA Medical Center, betont ihre Wirksamkeit gegen behüllte Viren wie SARS-CoV-2, Influenza und Ebola.
Bereits in den 1940er-Jahren gab es Belege für ihren Nutzen bei der Infektionsprävention. Eine Studie in einem Kinderkrankenhaus über drei Winter (1941–1944) zeigte eine 96-prozentige Reduktion von Erkältungen in mit Glykoldämpfen behandelten Stationen im Vergleich zu unbehandelten Bereichen. Zudem traten dort 90 Prozent weniger Fälle von Tracheobronchitis, Mittelohrentzündungen und akuter Pharyngitis auf.
Jacob Swett, Geschäftsführer der Non-Profit-Organisation Blueprint Biosecurity, die sich auf Pandemieprävention spezialisiert, kommentiert: „Die Methoden mögen veraltet sein, aber sie zeigen das enorme Potenzial dieser Technologie.“
In den 1940er-Jahren boomte der Markt für Glykoldämpfer. Werbung pries „Glykolatoren“ und „Glykolisierer“ als Lösung für sichere Wohn- und Arbeitsräume an. Erst mit dem Aufkommen von Antibiotika verlor das Interesse an dieser Technologie an Fahrt. Doch heute, in Zeiten neuer Virusvarianten und globaler Gesundheitskrisen, könnte sie eine Renaissance erleben.