Der Schokoladenmagnat und seine Zuckerstrategie

Warum baute ein Schokoladenhersteller eine Eisenbahn? Für Milton S. Hershey war die Antwort klar: Die Zuckerknappheit während des Ersten Weltkriegs zwang ihn zum Handeln. Die Hershey Chocolate Company war bereits ein globaler Player mit automatisierter Massenproduktion – darunter die legendären Hershey’s Milk Chocolate Bars und Hershey’s Kisses. Doch ohne ausreichend Zucker stockte die Produktion. Zudem wollte Hershey die Monopolstellung der American Sugar Refining Company umgehen, die den US-Zuckermarkt dominierte.

Kuba als Lösung: Zuckerplantagen und Infrastruktur

Ab 1916 setzte Hershey auf Kuba. Historiker Thomas R. Winpenny beschreibt seine Faszination für die Insel: „eine persönliche Verliebtheit“. Dank des Platt-Amendments waren US-Unternehmen in Kuba rechtlich abgesichert. Hershey setzte auf vertikale Integration – von der Plantage bis zur Raffinerie. Sein Imperium umfasste:

  • Fünf Zuckerplantagen
  • Fünf moderne Zuckerfabriken
  • Eine Raffinerie
  • Mehrere firmeneigene Städte
  • Ein ölbefeuertes Kraftwerk mit drei Unterstationen

1920 verarbeitete eine der Fabriken 135.000 Tonnen Zuckerrohr und produzierte 14,4 Millionen Kilogramm Zucker – rund um die Uhr während der Erntezeit.

Die Geburt der Hershey Electric Railway

Um den Zucker effizient zu den Mühlen zu transportieren, baute Hershey eine Eisenbahn. Zunächst mit sieben dampfbetriebenen Lokomotiven, die Kohle oder Öl verbrannten. Doch die hohen Brennstoffkosten und die Ineffizienz der Dampfloks führten 1920 zur Elektrifizierung der Strecke. Die Hershey Electric Railway wurde zur ersten elektrifizierten Bahn Kubas – wenn auch mit Verspätung gegenüber Europa und den USA.

Das Kraftwerk versorgte nicht nur die Hershey-Betriebe mit Strom, sondern auch die Städte Matanzas und kleinere Gemeinden. F.W. Peters von General Electric dokumentierte das System 1920 im General Electric Review.

Central Hershey: Eine firmeneigene Stadt nach britischem Vorbild

Im Herzen Kubas, auf einem Plateau über dem Hafen von Santa Cruz del Norte, entstand Central Hershey – das Hauptquartier der kubanischen Hershey-Operationen. Der Name „Central“ bezeichnet in Kuba eine Zuckerfabrik mit zugehöriger Siedlung.

Hershey orientierte sich am Modell der firmeneigenen Stadt, das er bereits in Hershey, Pennsylvania, umgesetzt hatte. Inspiriert von den Cadbury-Brüdern und ihrem Bournville Village in England, schuf er eine industrielle Utopie: Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser und Freizeiteinrichtungen für die Arbeiter. Die Stadt war autark – mit eigener Stromversorgung, Wasserversorgung und sogar einem eigenen Baseballteam.

Ein Vermächtnis, das bis heute nachwirkt

Die Hershey Electric Railway und die firmeneigenen Städte waren mehr als nur wirtschaftliche Projekte. Sie prägten die kubanische Infrastruktur und zeigten, wie ein einzelnes Unternehmen eine ganze Region verändern konnte. Heute erinnern nur noch Ruinen an diese Ära – doch die Geschichte von Hersheys Zuckerbahn bleibt ein faszinierendes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte.

„Hersheys persönliche Faszination für Kuba und sein unternehmerischer Weitblick machten die Elektrobahn zu einem Meilenstein der Industriegeschichte.“ – Historiker Thomas R. Winpenny