Was haben Orangen, die tiefe Zeit und ein Schweizer Taschenmesser gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig – außer, dass John McPhee über all diese Themen geschrieben hat. Wimbledon, Hausärzte, Kernphysik: Der 95-jährige Autor hat in seiner langen Karriere fast alles in seinen Werken verarbeitet. Seine Geschichten für The New Yorker wurden später in Dutzende Bücher bei Farrar, Straus und Giroux umgewandelt.
Doch ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen: die Natur und das Schicksal der amerikanischen Wildnis. Mehrere seiner bekanntesten Bücher handeln von Abenteuern abseits der Zivilisation – etwa in den Wäldern von Maine, entlang des Salmon River in Alaska oder in den Pine Barrens von New Jersey. Orte, die die meisten Menschen nur im Vorbeifahren wahrnehmen, während sie lieber den Komfort der Städte genießen.
Vier dieser Werke wurden nun von der Library of America in einem Band zusammengefasst: John McPhee: Encounters in Wild America. Dazu gehören The Pine Barrens (1968), Encounters With the Archdruid (1971), The Survival of the Bark Canoe (1975) und sein vermutlich bedeutendstes Buch, Coming Into the Country (1977).
Ein Schriftsteller, kein Umweltschützer
McPhee lehnt die Bezeichnung „Umweltaktivist“ oder „Umweltschriftsteller“ ab. Wie er einmal im Paris Review sagte:
„Ich bin ein Schriftsteller, der über reale Menschen an realen Orten schreibt. Ende der Geschichte.“
Doch die neue Sammlung zeigt, dass er trotz dieser Zurückhaltung ein wichtiger Beitragender zur modernen Umweltliteratur ist. Seit den 1960er-Jahren, als die Umweltbewegung entstand, dominiert in diesem Genre oft ein elegischer Ton: Es geht um den Verlust von etwas Unersetzlichem, um die dringende Aufforderung zum Handeln, bevor es zu spät ist.
Dieser Ton ist auch in McPhees Werken über die „wilde USA“ spürbar. Die Menschen, mit denen er spricht, malen düstere Zukunftsszenarien – von einer verwüsteten Landschaft in 50 oder mehr Jahren. Dämme und Flughäfen drohen ganze Regionen zu verschlingen. McPhee reiste in die Pine Barrens, wie er schrieb, „weil ich es kaum glauben konnte, dass so viel unberührter Wald so nah an den großen Städten des Ostens noch existiert – und ich wollte ihn sehen, solange es ihn noch gab.“
Ein Glück im Unglück: Der geplante Überschall-Flughafen dort wurde nie gebaut. Doch Alaska hatte kein solches Glück. Wer heute Coming Into the Country liest, stößt unweigerlich auf die Erwähnung der Trans-Alaska-Pipeline. Sie wurde 1977, im selben Jahr wie das Buch, in Betrieb genommen – am 20. Juni. McPhees Werk ist damit eine letzte Momentaufnahme einer Region, die sich für immer verändern sollte.
Wildnis als umkämpftes Gebiet
Mit großer Klarheit zeigt McPhee, wie die „wilde USA“ ein umkämpftes Terrain ist. Ein Ort, an dem ungelöste Konflikte toben – zwischen Fortschritt und Bewahrung, zwischen Ausbeutung und Respekt. Seine Bücher sind keine bloßen Reiseberichte, sondern Zeugnisse eines Amerika, das zwischen zwei Extremen schwankt: zwischen der Sehnsucht nach unberührter Natur und dem unaufhaltsamen Drang, sie zu verändern.
McPhee dokumentiert nicht nur Landschaften, sondern auch die Menschen, die dort leben – Jäger, Holzfäller, Ureinwohner. Ihre Stimmen machen seine Werke zu mehr als nur Naturschilderungen: zu einem Spiegel der amerikanischen Identität.