Frank Castle, besser bekannt als The Punisher, war stets ein Charakter, der von Rache getrieben wurde. Doch wer ist er ohne diesen Antrieb? Was bleibt von ihm, wenn seine Mission erfüllt ist und nur noch die Geister der Vergangenheit bleiben? „The Punisher: One Last Kill“ versucht, diese Fragen zu beantworten – und verschwindet dabei so schnell, wie er aufgetaucht ist.
Mit einer straffen Laufzeit von 48 Minuten (inklusive etwa 10 Minuten Abspann) setzt der Special auf Bernthals ikonische Darstellung des traumatisierten Anti-Helden. Castle, der sonst nur sporadisch in anderen Marvel-Serien auftrat, dominiert hier die Handlung – und tut dies mit großer Wirkung. Doch die Platzierung des Specials wirft Fragen auf: Es spielt nach der zweiten Staffel von „The Punisher“ und parallel zur zweiten Staffel von „Daredevil: Born Again“, hat aber keinerlei Bezug zur Handlung in New York City.
Während das Marvel Cinematic Universe (MCU) bereits häufiger Geschichten außerhalb der Chronologie erzählt hat, wirkt die Veröffentlichung von „One Last Kill“ besonders unglücklich. Vor allem nach dem Cliffhanger in Staffel 1 von „Born Again“, der Castles unvollendete Rechnung mit Wilsons Fisks Anti-Vigilanten-Taskforce (AVTF) andeutete. Statt sich in die aktuellen Straßenkämpfe des MCU einzubringen, scheint der Special Castle zurück in die Vergangenheit zu versetzen.
Die Handlung begleitet Frank durch seine Halluzinationen, geprägt von hektischen Schnittfolgen und einer düsteren Atmosphäre. Er ist ein Mann, der von Lebenden und Toten verfolgt wird, überzeugt, seinen Lebenssinn verloren zu haben und bereit, seinem Schicksal zu folgen – um sich seiner verstorbenen Familie anzuschließen. Bernthals Darstellung bleibt dabei stets überzeugend. Der Schauspieler verkörpert Castle mit einer Mischung aus manischer Wut und stoischer Entschlossenheit, wobei seine PTSD-Symptome schonungslos offenbart werden. Fans der Serie wurden in den vergangenen Jahren mit Bernthalschem Talent verwöhnt, etwa durch seine Interaktionen mit Charlie Coxs Daredevil oder Debra Ann Wohl als Karen Page. Doch in diesem Special fehlt ein solcher Gegenpart – was Bernthal noch mehr in den Fokus rückt, aber auch die Schwächen der Nebenfiguren umso deutlicher macht.
Besonders auffällig ist dies bei der Rückkehr der Gnucci-Familie, die in der Netflix-Serie nur als Randnotiz erwähnt wurde. Nun rückt sie plötzlich in den Mittelpunkt – allerdings ohne die gewohnte Tiefe oder emotionale Wucht. Die Nebenfiguren wirken blass im Vergleich zu Bernthals intensiver Performance, die erneut beweist, warum er die perfekte Besetzung für die Rolle ist.