Washington, D.C. – Seit über 200 Jahren prägt das Electoral College die US-Präsidentschaftswahlen. Doch ein seit Jahrzehnten verfolgter Plan könnte das System nun endlich kippen. Reformer arbeiten seit 2006 daran, die Wahl des Präsidenten durch einen bundesweiten Volksentscheid zu ersetzen – ohne eine Verfassungsänderung. Der Schlüssel dazu liegt im National Popular Vote Interstate Compact (NPVIC).

Wie der Plan funktioniert

Der NPVIC ist ein Abkommen zwischen Bundesstaaten, das deren Wahlleute an den Kandidaten bindet, der landesweit die meisten Stimmen erhält. Voraussetzung ist, dass genügend Staaten mit zusammen mindestens 270 Wahlleuten (Mehrheit im Electoral College) dem Compact beitreten. Aktuell unterstützen Staaten mit 222 Wahlleuten das Abkommen – darunter fast alle demokratisch dominierten Bundesstaaten. Die verbleibenden 48 Wahlleute könnten durch die Kontrolle entscheidender Swing States bei den Midterms 2026 gewonnen werden.

Die entscheidenden Swing States

Besonders im Fokus stehen sechs umkämpfte Bundesstaaten, in denen Demokraten bei den kommenden Wahlen die Mehrheit in Gouverneursposten und Parlamenten erringen könnten:

  • Wisconsin
  • Michigan
  • Arizona
  • Pennsylvania
  • Nevada
  • New Hampshire

Gelingt es den Demokraten, in diesen Staaten eine „Trifecta“ (Regierungsmehrheit in allen drei Gewalten) zu sichern, könnten sie die notwendigen 270 Wahlleute zusammenbringen. Ab dann würde der Präsident nicht mehr nach dem Electoral College, sondern nach dem bundesweiten Stimmenanteil gewählt werden.

Herausforderungen und Kritik

Doch der Plan ist nicht unumstritten. Kritiker warnen vor rechtlichen und praktischen Hürden:

„Die Verfassung sieht vor, dass Wahlleute von den Bundesstaaten bestimmt werden. Der NPVIC nutzt eine Grauzone, indem er Staaten dazu verpflichtet, ihre Wahlleute an den nationalen Sieger zu binden – selbst wenn die Mehrheit der Wähler im eigenen Staat anders abgestimmt hat.“

Zudem könnte die Umsetzung ohne republikanische Unterstützung scheitern. Bisher haben sich ausschließlich demokratisch regierte Staaten dem Compact angeschlossen. Sollte der Plan 2028 in Kraft treten, könnte dies zu einer politischen Pattsituation führen, falls die Republikaner die Mehrheit im Kongress behalten.

Warum der Plan jetzt Realität werden könnte

Lange galt die Annahme, dass Swing States ihr Privileg als Königsmacher nie freiwillig aufgeben würden. Doch die Polarisierung des Electoral College hat diese Haltung verändert. Die demokratische Wählerschaft unterstützt mehrheitlich eine Reform, da sie sich von einem bundesweiten Wahlsystem faire Chancen erhofft. Sollten die Demokraten 2026 in den entscheidenden Staaten die Oberhand gewinnen, könnte der NPVIC bereits für die Präsidentschaftswahl 2028 wirksam werden.

Experten zufolge wäre dies ein historischer Schritt – weg von einem System, das kleinen, umkämpften Staaten überproportionalen Einfluss einräumt, hin zu einer direkten Demokratie. Ob der Plan jedoch langfristig Bestand hat, bleibt eine offene Frage.

Quelle: Vox