Jahrzehntelange Abhängigkeit und ein verlorener Enkel

Mary Jannotta, 77, aus Pennsylvania, arbeitete jahrzehntelang hinter der Theke eines Supermarkts. Die körperliche Belastung führte zu chronischen Schmerzen. Nach einer missglückten Rücken-OP 2008 verschlimmerte sich ihr Zustand. Ihr Arzt verschrieb ihr wiederholt OxyContin, das Schmerzmittel von Purdue Pharma. Später gab das Unternehmen zu, das hochpotente Opioid illegal beworben zu haben.

Jannotta wurde abhängig. Als Ärzte ihr die Rezepte verweigerten, landete sie in Kensington, Philadelphias berüchtigtem Drogenviertel, um an Tabletten zu kommen. Sie verlor ihr Auto, ihr Zuhause – und ihren Enkel. Tyler Cordeiro stahl als Teenager ihre Tabletten. Mit 24 starb er an einer Überdosis.

Warten auf Gerechtigkeit – und das Scheitern des Vergleichs

Als Purdue Pharma 2019 Insolvenz anmeldete, reichte Jannotta wie fast 140.000 weitere Geschädigte eine Schadensersatzforderung ein. Sie hofften auf eine finanzielle Entschädigung – wenn schon nicht auf Gerechtigkeit für das Erlittene. Doch der Weg dorthin war steinig:

  • 2024: Der Supreme Court stoppte den ersten Vergleich, weil er die Sackler-Familie, die Purdue kontrolliert, vor weiteren Klagen schützte.
  • November 2024: Ein Bundesrichter genehmigte einen neuen Plan – doch dieser benachteiligt die meisten Antragsteller.

Warum Zehntausende leer ausgehen

Der neue Vergleich sieht zwar $7,4 Milliarden vor, darunter $870 Millionen für individuelle Opfer. Doch weniger als die Hälfte der Antragsteller wird überhaupt eine Zahlung erhalten. ProPublica und The Philadelphia Inquirer zeigen, wie der Plan die Betroffenen systematisch ausschließt:

  • Gekürzte Auszahlungen: Für Hinterbliebene von Opfern, die an einer Überdosis starben, sinkt die Entschädigung von bis zu $48.000 auf nur noch $8.000.
  • Strengere Regeln: Die Anforderungen an den Nachweis des Opioid-Konsums wurden verschärft. Ohne offizielle Rezepte oder medizinische Unterlagen gibt es kein Geld.
  • Ausgeschlossene Jugendliche: Teenager, die Purdue-Opioide auf der Straße kauften, erhalten keine Entschädigung mehr.
  • Keine eidesstattlichen Versicherungen mehr: Bisher konnten Opfer eine eidesstattliche Erklärung einreichen, wenn sie keine Beweise hatten – ähnlich wie in anderen großen Insolvenzfällen (z. B. Missbrauchsfälle bei den Boy Scouts oder der katholischen Kirche). Diese Option entfällt nun.

Es ist, als würde man mir einen Schlag in den Magen versetzen“, sagt Jannotta. „Nach all den Jahren des Wartens und Kämpfens soll ich jetzt leer ausgehen? Das ist kein Vergleich – das ist eine Farce.“

Ein System, das Opfer im Stich lässt

Purdue Pharma verkaufte jahrzehntelang hochriskante Opioide, obwohl das Unternehmen wusste, welchen Schaden sie anrichten. Die neuen Regeln des Insolvenzverfahrens machen es Opfern wie Jannotta fast unmöglich, ihre Ansprüche durchzusetzen. Viele haben keine alten Rezepte mehr, keine medizinischen Akten – und keine Chance auf Entschädigung.

Experten kritisieren, dass der Vergleich zwar als „einziger Opioid-Vergleich, der individuelle Opfer entschädigt“ beworben wird – doch in Wahrheit profitieren vor allem Anwälte und die Sackler-Familie. Die Betroffenen, die am meisten litten, bleiben auf ihren Verlusten sitzen.

Was kommt jetzt?

Die Frist für die Einreichung von Ansprüchen läuft bald ab. Wer keine Beweise hat, hat kaum noch eine Chance. Für Mary Jannotta und andere wie sie bedeutet das: kein Geld, keine Gerechtigkeit – und keine Heilung für das, was ihnen genommen wurde.

Quelle: ProPublica