Unklare Vorgaben und unterschiedliche Ansätze
Die US-Bundesstaaten stehen vor einer Mammutaufgabe: Sie müssen bis zum 1. Januar 2027 ein System zur Überprüfung von Arbeitsanforderungen für Medicaid-Empfänger einführen. Doch selbst mit der Zeit drängend, fehlt es an klaren bundesweiten Richtlinien. Eine aktuelle Umfrage des KFF unter Medicaid-Verantwortlichen aus 42 Staaten und dem District of Columbia zeigt, wie unterschiedlich die Ansätze sind – und wie viele offene Fragen noch bleiben.
KI und selbst definierte Ausnahmen als Lösungsansätze
Einige Bundesstaaten setzen bereits auf künstliche Intelligenz, um die Einhaltung der Arbeitsanforderungen zu überprüfen. Andere definieren selbst, was unter „medizinischer Gebrechlichkeit“ fällt – ein zentraler Begriff, der Empfänger von den Anforderungen befreien kann. Grundlage dafür ist der „One Big Beautiful Bill Act“, ein Gesetz, das unter Präsident Donald Trump verabschiedet wurde und Medicaid in über 40 Staaten sowie Washington, D.C. reformiert hat.
Das Gesetz erlaubt es Staaten, Medicaid auf Erwachsene ohne Kinder auszuweiten, die keine Krankenversicherung über ihren Arbeitgeber erhalten. Kritiker argumentieren, dass Arbeitslose Ressourcen binden, die eigentlich für Bedürftige wie Kinder, Schwangere oder Menschen mit Behinderungen bestimmt sind. Befürworter hingegen sehen darin eine Möglichkeit, die Effizienz des Programms zu steigern.
Wer ist betroffen – und wer nicht?
Die neuen Regeln verlangen von Medicaid-Empfängern, mindestens 80 Stunden pro Monat einer qualifizierten Tätigkeit nachzugehen – sei es Arbeit, Teilzeitstudium oder ehrenamtliche Tätigkeiten. Betroffen sind auch bereits bestehende Empfänger. Die Congressional Budget Office schätzt, dass die Arbeitsanforderungen die bundesweiten Medicaid-Ausgaben über zehn Jahre um etwa 326 Milliarden US-Dollar reduzieren werden. Gleichzeitig könnten bis 2034 rund 4,8 Millionen Menschen ihre Krankenversicherung verlieren.
Ausnahmen und Härtefallregelungen
Das Gesetz sieht Ausnahmen vor – etwa bei Naturkatastrophen, hoher Arbeitslosigkeit in der Region, Krankenhausaufenthalten oder medizinisch notwendigen Reisen. Doch nicht alle Staaten nutzen alle Optionen: Während 28 Staaten und Washington, D.C. Härtefallregelungen anbieten, verzichten Iowa und Indiana komplett darauf. Auch die Definition von „medizinischer Gebrechlichkeit“ bleibt unklar, da die Bundesregierung keine Vorgaben macht.
„Viele Staaten arbeiten unter extremem Zeitdruck und müssen noch grundlegende Entscheidungen treffen – mit weniger als einem Jahr bis zur Umsetzung.“
Amaya Diana, KFF-Politikanalystin
Medicaid-Ausweitung und politische Kontroversen
Die Ausweitung von Medicaid auf Erwachsene ohne Kinder war ein zentraler Bestandteil des Affordable Care Act (Obamacare), den die meisten Republikaner weiterhin ablehnen. Seit seiner Einführung haben etwa 20 Millionen Menschen zusätzliche Krankenversicherungsschutz erhalten. Die neuen Arbeitsanforderungen könnten diese Errungenschaft jedoch teilweise zunichtemachen – und die politische Debatte weiter anheizen.
Zukunft der Medicaid-Reform
Bis Juni 2024 wird die Bundesregierung voraussichtlich keine detaillierten Richtlinien veröffentlichen. Bis dahin müssen die Staaten eigene Lösungen finden – sei es durch KI-gestützte Überwachung, selbstdefinierte Ausnahmen oder andere innovative Ansätze. Die Umsetzung bleibt ein Balanceakt zwischen Bürokratie, Datenschutz und sozialer Gerechtigkeit.