Künstliche Intelligenz (KI) sorgt nicht nur in Personalabteilungen für Kopfzerbrechen. Auch juristische Teams in Unternehmen müssen sich zunehmend mit den Fehlern der Technologie auseinandersetzen. Eine aktuelle Studie des Rückversicherers Gallagher Re zeigt: Die Zahl der Klagen im Zusammenhang mit generativer KI in den USA ist von 2021 bis 2025 um 978 % gestiegen.
Doch während die KI-Nutzung zunimmt, ziehen sich immer mehr Versicherer aus der Haftungsabsicherung für KI-Risiken zurück. Berkshire Hathaway, Chubb und Travelers haben in den letzten Monaten die Genehmigung erhalten, ihre Standard-Haftpflichtpolicen um sogenannte „KI-Ausschlussklauseln“ zu erweitern. Diese schließen typische Risiken wie Diskriminierung durch KI-Systeme, Urheberrechtsverletzungen (etwa durch unbewusste Nutzung geschützter Inhalte) oder Sachschäden durch autonome Systeme aus der Deckung aus.
Für Unternehmen kann das teuer werden: Ohne ausreichenden Versicherungsschutz drohen hohe Schadensersatzforderungen. Zudem könnte die Zurückhaltung der Versicherer die Einführung von KI-Lösungen in der Wirtschaft bremsen, da Führungskräfte abwägen müssen, ob sich der Einsatz der Technologie angesichts der Risiken überhaupt noch lohnt.
„Dieses Thema zeigt eine zentrale Schwachstelle auf: Viele Unternehmen stürzen sich auf den KI-Zug, ohne zu prüfen, ob sie ausreichend geschützt sind.“
Ifeoma Yvonne Ajunwa, Rechtsprofessorin an der Emory University
Nicht alle Versicherer ziehen mit
Während große Namen wie Berkshire Hathaway, Chubb und Travelers ihre KI-Haftung einschränken, setzen andere Anbieter auf neue Lösungen. So bietet HSB seit März eine spezielle KI-Haftpflichtversicherung für kleine und mittlere Unternehmen an. Timothy Zeilman, Global Head of Product Ownership bei HSB, betont: „Unternehmen nutzen KI, um schneller und effizienter zu arbeiten. Gleichzeitig entstehen dadurch neue rechtliche und finanzielle Risiken. Mit einer KI-Versicherung können sie diese Unsicherheit reduzieren.“
Auch kleinere, teils neu gegründete Versicherer spezialisieren sich auf KI-Risiken – einige mit Unterstützung etablierter Rückversicherer wie Armilla AI (unterstützt von Chaucer Group und Axis Capital). Andere agieren unabhängig. Für Unternehmen wird die Auswahl dadurch jedoch komplexer: Wer sich nicht ausreichend informiert, riskiert im Schadensfall auf einer unzureichend kapitalisierten Versicherung sitzen zu bleiben.
„Die Situation erinnert an den Wilden Westen. Vorsicht ist geboten. Unternehmen sollten genau prüfen, wer die Versicherung anbietet: Wie gut ist die Kapitalausstattung? Kann die Police im Ernstfall auch wirklich ausgezahlt werden?“
Ifeoma Yvonne Ajunwa
Historische Parallelen: Cyberversicherungen als Vorbild
Die aktuelle Entwicklung ist kein Einzelfall. In den frühen 1990er-Jahren reagierten Versicherer ähnlich auf die wachsende Bedeutung des Internets: Sie schlossen zunächst Online-Aktivitäten aus ihren Policen aus, bevor sich daraus ein eigener Markt für Cyberversicherungen entwickelte. Diese deckten zunächst IT-Fehler und Medienrisiken ab, bevor sie sich zu einem eigenständigen Versicherungssegment ausweiteten.
Ein weiterer Vergleich lässt sich aus dem Gesundheitssektor ziehen: Neue medizinische Verfahren oder Geräte werden oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten in Standard-Tarife aufgenommen. Bis dahin müssen Patienten oder Kliniken die Kosten selbst tragen – ein Muster, das sich nun bei KI abzeichnet.