Ein Gesetz mit zwei Seiten: Engelbergs Vermächtnis
Alfred Engelberg gilt in der US-Pharmabranche als ambivalente Figur: Für die einen ist er ein Reformer, der Generika-Durchbrüche ermöglichte; für andere ein Architekt des Systems, das hohe Medikamentenpreise zementiert. Als Patentanwalt prägte er vor mehr als fünf Jahrzehnten die Gesetzgebung, die den Generika-Markt in den USA grundlegend veränderte.
Von Atlantic City bis ins Weiße Haus
Engelbergs Karriere begann bescheiden: Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen an der Atlantic City Boardwalk, stieg er später zum Schlüsselfigur in der Pharmapolitik auf. Sein größter Erfolg: Ein Gesetz, das Präsident Ronald Reagan 1984 im Rosengarten des Weißen Hauses unterzeichnete. Doch während Generika-Hersteller damals erstmals schneller auf den Markt kamen, schuf das Gesetz gleichzeitig Schlupflöcher für Pharmaunternehmen, um Patente zu verlängern und Generika-Konkurrenten zu blockieren.
Das Patent-System: Fluch oder Segen?
Das von Engelberg mitgestaltete System ermöglicht es Pharmafirmen, durch Patent-Stacking – das Anhäufen mehrerer Patente auf ein einziges Medikament – Generika für Jahre fernzuhalten. Selbst bei klaren Innovationen können zusätzliche Patentanmeldungen den Markteintritt günstiger Alternativen verzögern.
„Heutige Insuline sind mit den Präparaten von vor 100 Jahren kaum noch vergleichbar. Jede Weiterentwicklung wird patentiert – und jede neue Patentierung bedeutet eine weitere Verzögerung für Generika.“
Jing Luo, Medizin-Forscher
Die Folgen: Hohe Preise und eingeschränkter Wettbewerb
Das Ergebnis ist ein Paradox: Einerseits ermöglichte Engelbergs Gesetz mehr Generika, andererseits schuf es Mechanismen, die die Preise für lebenswichtige Medikamente in die Höhe treiben. Pharmaunternehmen nutzen das System, um Monopole auf profitable Wirkstoffe zu sichern – oft durch minimale, aber patentierbare Änderungen an bestehenden Medikamenten.
Engelbergs heutige Haltung: Reform statt Revolution
Überraschenderweise setzt sich Engelberg heute für Veränderungen ein. In Interviews plädiert er dafür, Generika schneller auf den Markt zu bringen – etwa durch strengere Regeln gegen Patent-Missbrauch. Sein Ziel: Ein Gleichgewicht zwischen Innovationsanreizen und bezahlbaren Medikamenten.
Die Debatte um Engelbergs Erbe zeigt: Die Pharmapolitik der USA steht vor einem Dilemma. Einerseits braucht die Branche Schutz für Forschung und Entwicklung, andererseits darf das Patentsystem nicht zu einer Dauerblockade für Generika führen.
Hintergrund: Warum Medikamente so teuer sind
- Patent-Stacking: Pharmafirmen melden hunderte Patente für ein einziges Medikament an, um Generika-Hersteller abzuschrecken.
- Markteintrittsbarrieren: Selbst bei abgelaufenen Hauptpatenten können zusätzliche Patente Generika für Jahre blockieren.
- Preisgestaltung: Monopole ermöglichen es Unternehmen, Preise ohne Konkurrenzdruck zu erhöhen.
Die Diskussion um Engelbergs Rolle wirft eine zentrale Frage auf: Wie lässt sich ein System reformieren, das sowohl Innovation als auch bezahlbare Medikamente ermöglichen soll?