Clarence Thomas hat in der vergangenen Woche einen historischen Meilenstein erreicht: Er ist nun der zweitlängstdienende Richter in der Geschichte des US Supreme Court. Sollte er seine Amtszeit bis 2028 fortsetzen, wird er den seit 1939 bestehenden Rekord von William O. Douglas brechen und zum längstdienenden Supreme-Court-Richter aller Zeiten werden.

Thomas prägt die Rechtsprechung des Gerichts seit Jahrzehnten – seine Ansichten zu zentralen Verfassungsfragen haben die amerikanische Justiz nachhaltig verändert. Von der Ausweitung der Waffenrechte bis zur Abschaffung des verfassungsmäßigen Rechts auf Abtreibung hat sein Einfluss in zahlreichen Grundsatzurteilen Spuren hinterlassen.

Uneinheitliche Bilanz in der aktuellen Amtszeit

Seine diesjährige Amtszeit zeigt jedoch ein gemischtes Bild. Während Thomas’ langjährige Skepsis gegenüber einer weiten Auslegung des Voting Rights Act im Fall Louisiana v. Callais Niederschlag fand, scheiterte sein Plädoyer für eine extensive Ausübung exekutiver Macht in Learning Resources v. Trump. Sein dissentierendes Votum in diesem Fall fiel besonders scharf und kritisch aus.

Noch stehen 11 bedeutende Fälle aus, die in der laufenden Amtszeit 2025–2026 entschieden werden müssen. Ob und wie sich Thomas’ juristische Philosophie auf diese Urteile auswirkt, bleibt abzuwarten.

Parallelen zu einem historischen Vorgänger

Aktuell belegt der von Abraham Lincoln ernannte Richter Stephen Field den dritten Platz in der Rangliste der dienstältesten Supreme-Court-Mitglieder. Zwischen Field und Thomas gibt es auffällige Gemeinsamkeiten: Beide verbrachten den Großteil ihrer Karriere als dissentierende Stimmen im Gericht. Field erlebte jedoch noch, wie seine verfassungsrechtliche Vision schließlich von der Mehrheit übernommen wurde – ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog.

Fields dissent in The Slaughter-House Cases (1873) wurde 1897 vom Supreme Court aufgegriffen und später in Lochner v. New York (1905) weiterentwickelt. Diese Entscheidung hatte weitreichende Folgen für die amerikanische Rechtsprechung. Fields Karriere zeigt: Auch dissentierende Meinungen können langfristig die Rechtsprechung prägen – ein Muster, das sich heute bei Thomas wiederholt.

Ähnlich wie Field wird Thomas’ Einfluss noch lange nach seinem Ausscheiden spürbar sein. Seine Positionen zu Waffenrechten, Abtreibung und Affirmative Action haben bereits Eingang in Mehrheitsentscheidungen gefunden und werden die amerikanische Justiz über seinen Rücktritt hinaus formen.

KI im Gerichtssaal: Kontroverse um KI-Nutzung in der juristischen Praxis

In einem anderen rechtlichen Kontext sorgte kürzlich ein Viral-Post des Supreme-Court-Anwalts Neal Katyal für Diskussionen. Katyal, der erfolgreich gegen die von Präsident Donald Trump verhängten Zölle vor dem Supreme Court argumentierte, berichtete in einem sozialen Netzwerkbeitrag, dass er künstliche Intelligenz zur Vorbereitung auf die mündliche Verhandlung genutzt habe. Sein Tweet löste unter Juristen eine Debatte über den Einsatz von KI in der Rechtsberatung aus – insbesondere wegen des selbstbewussten Tons seiner Aussage.

Quelle: Reason