Der emeritierte Richter des US Supreme Court, Stephen Breyer, hat sich kürzlich in einer Diskussion an der Harvard University zur umstrittenen Praxis des „Schatten-Dockets“ geäußert. Auf die Frage, ob die zunehmende Nutzung dieses Instruments Grund zur Sorge gebe, antwortete Breyer klar: „Nein.“
Der „Schatten-Docket“ – auch als „Notfall-Docket“ bekannt – wird vom Supreme Court genutzt, um dringende Anträge schnell zu bearbeiten. Historisch diente er vor allem dazu, Vollstreckungen im Todesstrafenverfahren auszusetzen oder in Wahlrechtsfragen interimistische Entscheidungen zu treffen. Breyer betonte, dass diese Praxis kein neues Phänomen sei, sondern seit langem Teil der Rechtsprechung des Gerichts.
In den letzten Jahren hat sich der Einsatz des „Schatten-Dockets“ jedoch ausgeweitet. Breyer führte dies auf die zahlreichen rechtlichen Auseinandersetzungen während der COVID-19-Pandemie zurück, etwa zu Impfpflichten oder anderen staatlichen Maßnahmen. Viele dieser Fälle betrafen verfassungsrechtliche Streitigkeiten, insbesondere zur Gewaltenteilung zwischen Kongress und Präsident.
„Es überrascht mich nicht, dass bei einer Regierung, die solche Fragen aufwirft, auch mehr Fälle auf dem Notfall-Docket landen“, erklärte Breyer. Er wies die Vorstellung zurück, dass es eine gezielte Strategie des Gerichts gebe, um bestimmte Entscheidungen zu beeinflussen. Stattdessen handle es sich um eine pragmatische Reaktion auf die veränderte Rechtsprechungslandschaft.
Unterstützung von ehemaligem Richterkollegen
Auch der ehemalige Bundesrichter Michael McConnell, der eine andere juristische Philosophie vertritt, teilt Breyers Einschätzung. In einem Beitrag für die Washington Post argumentiert er, dass die zunehmende Nutzung des „Schatten-Dockets“ eine verständliche und unvermeidbare Folge der wachsenden Machtansprüche der Exekutive sei.
McConnell schreibt:
„Viele Entscheidungen des Schatten-Dockets sind berechtigter Kritik ausgesetzt, doch eine pauschale Verurteilung dieser Praxis ist unangebracht. Diese Fälle entstehen aus der praktischen Notwendigkeit heraus: Oft vergehen Monate oder Jahre, bis ein Fall durch alle Instanzen geht. Bis dahin kann eine Politik bereits tiefgreifende Auswirkungen haben – ob sie nun rechtmäßig ist oder nicht.“
Er verweist darauf, dass irreparable Schäden entstehen können, wenn eine Regierung eine Maßnahme umsetzt, ohne die erforderliche gesetzliche Grundlage zu haben – etwa bei Zöllen oder Impfpflichten. Gleichzeitig warnt er davor, dass eine zu restriktive Handhabung des „Schatten-Dockets“ die Handlungsfähigkeit der Regierung unnötig einschränken könnte.