US-Supreme-Court-Richter Neil Gorsuch hat sich in einem Gespräch mit dem Journalisten Nick Gillespie von Reason zur Arbeit des höchsten US-Gerichts geäußert. Dabei ging es unter anderem um sein neues Kinderbuch Heroes of 1776: The Story of the Declaration of Independence, das er gemeinsam mit Janie Nitze verfasst hat. Doch besonders aufschlussreich waren seine Aussagen zur aktuellen Rolle des Supreme Court.

Der Supreme Court als Vorbild für respektvolle Rechtsprechung

Gorsuch zeigte sich überzeugt, dass das Gericht seine Aufgaben erfüllt – trotz sinkender Zustimmungswerte in der Bevölkerung. Die Zustimmung zum Supreme Court habe ein neues Tief erreicht, doch der Richter sieht darin kein Problem. Vielmehr betonte er, dass das Gericht als Vorbild für respektvolle und principiengeleitete Entscheidungen diene. „Ich glaube, wir machen das ganz gut“, sagte Gorsuch und verwies darauf, dass der Supreme Court jährlich die 70 schwierigsten Fälle des Landes bearbeite. In etwa 40 Prozent der Fälle komme es zu einstimmigen Urteilen.

Bei den verbleibenden Entscheidungen sei die Aufteilung oft weniger klar als erwartet. Gorsuch erklärte: „Nur etwa die Hälfte davon sind die typischen 5:4- oder 6:3-Entscheidungen, bei denen man an klare ideologische Fronten denkt.“ Die andere Hälfte sei „völlig durcheinandergewürfelt“ – ein Hinweis darauf, dass die übliche Einteilung in konservativ und liberal nicht immer zutrifft.

Gorsuchs eigene Rechtsprechung unterstreicht diesen Punkt: In Strafjustizfragen stimmt er häufig mit der liberalen Richterin Sonia Sotomayor überein, während er sich mit dem konservativen Kollegen Samuel Alito anlegt. Solche Fälle zeigen, dass ideologische Schubladen nicht immer passen.

Ungeschriebene Rechte: Gorsuch bleibt vage

Ein weiterer zentraler Punkt des Interviews war die Frage nach ungeschriebenen Rechten in der US-Verfassung. Der neunte Zusatzartikel besagt, dass die Aufzählung bestimmter Rechte nicht dazu führen darf, andere Rechte der Bürger zu verneinen. Doch wie sind diese ungeschriebenen Rechte rechtlich einzuordnen?

Gorsuch blieb in seinen Antworten erneut vage. Auf die Frage, ob die USA eher ein libertäres als ein konservatives oder liberales Projekt seien, antwortete er: „Es ist ein sehr tolerantes Projekt … Es geht darum, dass jeder das Recht hat, seinen Weg zu gehen, sein Leben zu gestalten und nach Glück zu streben – und das gemeinsam.“

Seine Aussagen zeigen, dass er die Verfassung nicht nur als starres Regelwerk, sondern als Rahmen für individuelle Freiheit versteht. Doch konkrete Klarheit zu ungeschriebenen Rechten lieferte er nicht – was seine Kritiker bereits des Öfteren bemängelt haben.

Fazit: Komplexität statt einfacher Ideologien

Gorsuchs Aussagen unterstreichen, dass der Supreme Court weitaus komplexer arbeitet, als es die öffentliche Debatte oft suggeriert. Während viele Bürger und Medien das Gericht in konservativ versus liberal einteilen, zeigt die Praxis: Die Realität ist deutlich vielschichtiger. Ob bei Urteilen oder der Interpretation der Verfassung – der Supreme Court bleibt ein Ort des Diskurses, nicht der einfachen Antworten.

Quelle: Reason