Die Zahl der Pro-Se-Fälle – also Gerichtsverfahren, in denen sich Kläger oder Beklagte selbst vertreten – ist in den USA seit der breiten Nutzung generativer KI-Tools wie ChatGPT oder Claude deutlich gestiegen. Das geht aus einem noch nicht begutachteten Preprint der Studie „Access to Justice in the Age of AI: Evidence from U.S. Federal Courts“ hervor. Die Autoren, Anand Shah und Joshua Levy, argumentieren, dass viele Menschen nun selbstständig juristische Schritte einleiten, weil KI ihnen die Arbeit abnimmt, die früher Anwälte erledigt hätten.
Doch diese Entwicklung belastet die Gerichte zusätzlich: Die Fälle seien „schwerwiegender“, da sie mehr Anträge enthalten, die Richter und Justizpersonal stärker beanspruchen. Shah und Levy warnen:
„Wenn generative KI die Kosten für selbst vertretene Klagen dramatisch senkt, könnte die Flut an Anträgen ein System überlasten, das auf menschliche Entscheidungen in jedem Verfahrensschritt angewiesen ist.“
Die Forscher analysierten über 4,5 Millionen zivile Nicht-Strafverfahren aus den Jahren 2005 bis 2026 sowie 46 Millionen Einträge aus dem Public Access to Court Electronic Records (PACER). Bis 2022 lag der Anteil der Pro-Se-Fälle stabil bei etwa 11 Prozent. Doch seitdem Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT verbreitet sind, stieg die Quote bis 2025 auf 16,8 Prozent.
Die Studie erklärt diesen Anstieg mit der Demokratisierung juristischer Expertise: Ohne juristischen Abschluss und zu minimalen Kosten können Laien nun mit KI-Unterstützung Beschwerden verfassen, Gesetze recherchieren und Verfahrensschritte navigieren – besonders seit der Veröffentlichung von GPT-4 im März 2023. „Jeder mit Internetzugang kann nun interaktive, fallbezogene Rechtsberatung erhalten und akzeptable Dokumente generieren“, heißt es in der Analyse.
Die Autoren betonen jedoch, dass ihre Studie beschreibend ist und keinen direkten Kausalzusammenhang zwischen KI-Nutzung und Pro-Se-Fällen nachweist.
„Wir behaupten nicht, dass GPT-4 die Selbstvertretung verursacht hat, aber die beobachtete Entwicklung ist ohne den Einfluss generativer KI kaum zu erklären.“
Als Beleg führten die Forscher eine Stichprobe von 1.600 Beschwerden aus den Jahren 2019 bis 2026 durch den KI-Detektor Pangram. Dabei stieg der Anteil der mutmaßlich KI-generierten Texte von nahe null Prozent vor 2022 auf über 18 Prozent im Jahr 2026.
Doch nicht nur die Anzahl der Fälle nimmt zu – auch die Komplexität innerhalb der Verfahren steigt. Richter müssen mehr Anträge prüfen, was die Arbeitslast erhöht. Die Studie warnt vor einer „neuen Belastung für das Justizsystem“, das ohnehin schon unter Personalmangel und Ressourcenknappheit leidet.