KI-Tool soll Reichweite erhöhen – doch Journalisten wehren sich
In einer internen Besprechung im März präsentierte Eric Nelson, Vizepräsident für Lokales bei McClatchy, ein neues KI-Tool namens „Content Scaling Agent“. Das System, basierend auf Anthropics Claude-Modell, soll Journalisten helfen, „neue Zielgruppen, Perspektiven und Einstiege“ zu finden. „Wer dieses Tool nutzt, gewinnt. Wer sich weigert, bleibt zurück“, erklärte Nelson laut Teilnehmern. „Wir brauchen mehr Geschichten und mehr Reichweite.“
Widerstand aus den eigenen Reihen
Doch nicht alle Mitarbeiter teilen die Begeisterung. Mehrere Pulitzer-Preis-gekrönte Redaktionen von McClatchy, darunter der Miami Herald, das Sacramento Bee und der Kansas City Star, haben letzte Woche Gewerkschaften eingeschaltet. Sie werfen dem Unternehmen vor, gegen Tarifverträge verstoßen zu haben, da die Einführung des Tools ohne ausreichende Vorwarnung erfolgte. Die Gewerkschaften fordern zudem mehr Transparenz über die Funktionsweise und Auswirkungen der Technologie.
Der Konflikt spiegelt eine bundesweite Debatte in Redaktionen wider: Während einige Medienhäuser wie die Plain Dealer in Cleveland KI nutzen, um Reporter von Routineaufgaben zu entlasten, lehnen andere – etwa bei ProPublica oder der New York Times – den Einsatz ohne klare Regeln ab. Bei ProPublica führte dies sogar zu einem eintägigen Streik.
Wie das KI-Tool funktioniert
Der „Content Scaling Agent“ erstellt automatisch Zusammenfassungen von Artikeln in verschiedenen Längen, passt Inhalte an spezifische Zielgruppen an und generiert sogar Videodrehbücher. Die Startseite des Tools wirbt damit, „bei Recherche, Bearbeitung, Personalisierung und Verbreitung“ zu unterstützen. Ein internes Dokument beschreibt es als „Schreibpartner, der mechanische Anpassungen übernimmt, damit Journalisten sich auf das Wesentliche konzentrieren können: Urteilsvermögen, Stimme und Storytelling.“
Laut Screenshots, die TheWrap vorliegen, lautet die Anweisung an die Nutzer: „Sie verfassen den Rohentwurf – das Tool hilft Ihnen, ihn für verschiedene Zielgruppen und Plattformen aufzubereiten.“
Fehlende Transparenz und unklare Regeln
Trotz wiederholter Anfragen von TheWrap blieb ein McClatchy-Sprecher eine Stellungnahme zu internen Richtlinien, der KI-Strategie des Unternehmens und den Aussagen aus der März-Besprechung schuldig. Die Mitarbeiter kritisieren zudem „begrenzte Informationen und widersprüchliche Aussagen“ seitens der Geschäftsführung.
Während die einen in der KI eine Chance sehen, neue Leserschichten zu erschließen, fürchten andere um die Qualität des Journalismus und ihre berufliche Zukunft. Die Auseinandersetzung zeigt: Die Integration von KI in Redaktionen bleibt ein umstrittenes Thema – besonders wenn die Belegschaft nicht ausreichend einbezogen wird.