Die Opioid-Krise scheint sich auf ungewöhnliche Weise zu schließen. Während die Sackler-Familie über einen Vergleich in Höhe von 6,5 Milliarden US-Dollar für ihre Rolle bei der Vermarktung hochgradig suchtgefährdender Schmerzmittel verhandelt, hat Joss Sackler – Ehefrau des ehemaligen Purdue-Pharma-Direktors David Sackler – öffentlich eingeräumt, selbst abhängig von diesen Medikamenten geworden zu sein.
Die New York Times berichtet, dass Sackler 2024 wegen des Besitzes illegaler verschreibungspflichtiger Medikamente und der Löschung belastender WhatsApp-Nachrichten in einem Bundesverfahren schuldig gesprochen wurde. Die Löschung der Nachrichten führte zu einer Anklage wegen Behinderung der Justiz. In einer gerichtlichen Stellungnahme erklärte Sackler:
„Es tut mir zutiefst leid, dass ich in meiner Sucht diese falschen Entscheidungen getroffen habe. Ich bin dankbar für die medizinische Behandlung, die mir in meiner Genesung geholfen hat.“
Ihr Anwalt Walter Norkin betonte gegenüber der Presse, dass der Fall „in keinerlei Zusammenhang mit Purdue Pharma oder anderen Familienmitgliedern“ stehe. Dennoch wirft der Vorfall ein bezeichnendes Licht auf die Familie, die seit Jahren als Symbol für die Verantwortung im Zusammenhang mit der Opioid-Krise steht. Allein in den USA haben Opioide seit den 1990er-Jahren über 800.000 Todesopfer gefordert.
Wirtschaftliche Ursachen der Krise
Forscher der Princeton University, Anne Case und Angus Deaton, identifizierten bereits 2022 in einer wegweisenden Studie die wahren Wurzeln der Krise: Jahrzehntelange wirtschaftliche Perspektivlosigkeit für Arbeiter mit niedrigem Bildungsniveau. Pharmaunternehmen nutzten diese Situation gezielt aus. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren bewarben große Apothekenketten wie CVS, Walgreens und Walmart Opioide als harmlose Schmerzmittel, lobbyierten bei Politikern und arbeiteten mit Ärzten zusammen, die exzessiv Rezepte ausstellten.
2021 verurteilte ein Gericht in Cleveland diese Ketten, weil sie durch mangelnde Kontrolle über die Verschreibungspflichtigen die Krise verschärft und dabei enorme Gewinne erzielt hatten.
Sacklers ungebrochene Macht
Während die Opioid-Krise die USA erschüttert, blieb die Sackler-Familie weitgehend unangetastet. Trotz eines kürzlich geschlossenen Vergleichs über 7,4 Milliarden US-Dollar und der Schließung von Purdue Pharma vor wenigen Tagen, kontrollieren einige Familienmitglieder weiterhin das internationale Pharmaunternehmen Mundipharma. Die Frage bleibt, wie viel des durch die Krise erworbenen Vermögens noch im Ausland liegt.
Die Ironie des Schicksals ist kaum zu übersehen: Ausgerechnet ein Mitglied der Familie, die maßgeblich zur Sucht beigetragen hat, wird nun selbst zum Symbol für die zerstörerischen Folgen der Opioid-Epidemie.