Als Gavin Newsom 2018 für das Amt des kalifornischen Gouverneurs kandidierte, galt seine Unterstützung für ein staatliches Einzelversicherungssystem im Gesundheitswesen als riskanter Schritt. Damals sicherte ihm diese Positionierung die Unterstützung mächtiger Gewerkschaften. Heute, im offenen Rennen um seine Nachfolge, haben sich führende Demokraten das Modell als politische Notwendigkeit zu eigen gemacht. Sie versprechen damit eine Antwort auf die wachsenden Frustrationen der Wähler über steigende Krankenversicherungsprämien und explodierende Gesundheitskosten.
Doch trotz dieser scheinbaren Einigkeit fehlt ein klarer Favorit. Die Kandidaten liefern sich in Debatten und Wahlwerbung einen erbitterten Wettbewerb darum, wer sich am stärksten für das staatlich organisierte Gesundheitssystem einsetzt. Ein entscheidender Punkt bleibt jedoch unbeantwortet: Keiner der Bewerber hat bisher dargelegt, wie Kalifornien die umfassende Gesundheitsversorgung für seine 40 Millionen Einwohner finanzieren will. Für die Wähler wird damit unklar, welcher Kandidat überhaupt einen realistischen Plan für den bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat vorlegt.
Von progressiver Utopie zur politischen Pflicht
Gesundheitsexperten und politische Beobachter stellen fest, dass sich die Debatte um das Einzelversicherungssystem in den letzten zehn Jahren grundlegend gewandelt hat. Aus einer progressiven Vision ist ein zentrales Wahlkampfthema geworden – besonders in einem Staat, in dem Demokraten die Republikaner fast zwei zu eins übertreffen. Die Demokraten werben damit, dass das Modell die beste Möglichkeit sei, die Kosten zu senken und gleichzeitig Wähler zu gewinnen, die sich angesichts der hohen Lebenshaltungskosten Sorgen um die Erschwinglichkeit von Gesundheitsleistungen machen.
Die beiden führenden republikanischen Kandidaten hingegen lehnen staatlich organisierte Gesundheitsversorgung als „Desaster“ und „Sozialismus“ ab.
„In vielerlei Hinsicht ist das Einzelversicherungssystem zu einem progressiven Lackmustest geworden.“
Larry Levitt, ehemaliger Politikberater im Weißen Haus und Gesundheitsexperte bei KFF, einer gemeinnützigen Organisation für Gesundheitsinformationen, die auch KFF Health News umfasst
Levitt betont, dass nur wenige Wähler den Begriff „Einzelversicherung“ wirklich verstehen – geschweige denn erwarten, dass der nächste Gouverneur dieses System tatsächlich umsetzen kann. Vielmehr diene der Begriff heute als Signal an die Wähler, wie ein Kandidat generell zum Thema Gesundheitsreform steht.
Widersprüchliche Positionen und unklare Pläne
Xavier Becerra, ehemaliger US-Gesundheitsminister und jahrzehntelanger Befürworter des Einzelversicherungssystems im Kongress, steht wegen seiner widersprüchlichen Haltung in der Kritik. Nach seiner Unterstützung durch die California Medical Association – eine einflussreiche Ärztevereinigung, die sich lange gegen Einzelversicherungsgesetze in Kalifornien gestellt hatte – relativierte er seine Position. Bei einer Debatte am 5. Mai, organisiert von CNN, bekannte er sich zwar zu „Medicare for All“, einem seit Jahren blockierten bundesweiten System. Gleichzeitig vermied er jedoch eine klare Aussage, ob er eine kalifornische Initiative vorantreiben würde. Stattdessen betonte er, sich zunächst auf die Abmilderung der erwarteten drastischen Kürzungen im Bundesprogramm Medi-Cal konzentrieren zu wollen, das mehr als ein Drittel der kalifornischen Bevölkerung abdeckt.
Becerra setzt darauf, dass die Wähler die Begriffe Einzelversicherung, „Medicare for All“ und universelle Gesundheitsversorgung ohnehin nicht klar unterscheiden. In der Debatte sagte er: „Den Kaliforniern ist egal, wie man es nennt – Hauptsache, sie erhalten bezahlbare Gesundheitsversorgung.“
„Viele Menschen wissen nicht genau, was Einzelversicherung bedeutet. Sie brauchen eine Metapher, um es zu verstehen.“
Celinda Lake, demokratische Strategin und eine der leitenden Meinungsforscherinnen für Joe Bidens Präsidentschaftswahlkampf 2020
Der Milliardär und Aktivist Tom Steyer, der mit seinem selbstfinanzierten Wahlkampf für seine Unabhängigkeit wirbt, hat sich in diesem Rennen als der lautstärkste Verfechter des Einzelversicherungssystems positioniert. Doch auch er bleibt eine konkrete Finanzierungsstrategie schuldig.