Eine neue Dokumentation der Organisation More Perfect Union wirft ein düsteres Licht auf die Arbeitsbedingungen in der KI-Branche. Im Fokus steht das US-Unternehmen Mercor, das seit 2023 als Vermittler zwischen prekär beschäftigten Arbeitskräften und Tech-Giganten wie OpenAI – dem Entwickler von ChatGPT – agiert.
KI-Training als letzte Option
Die Plattform wirbt damit, Arbeitskräfte mit veralteten Qualifikationen an Jobs zu vermitteln, die eigentlich ihre eigenen Berufe ersetzen könnten. Doch die Realität sieht anders aus: Viele der Beschäftigten trainieren KI-Systeme für Aufgaben, die sie selbst einst ausübten – oft zu einem Bruchteil ihres früheren Gehalts. Laut der Dokumentation werden die Arbeiter:innen dabei systematisch ausgebeutet.
Obdachlosigkeit als Folge prekärer Löhne
Die Recherchen von More Perfect Union zeigen erschütternde Zahlen: Eine Studie der Communication Workers of America aus dem Jahr 2025 ergab, dass 22 Prozent der KI-Trainer:innen in den USA bereits Obdachlosigkeit erlebt haben. Die Löhne reichen oft nicht einmal für eine Wohnung, geschweige denn für den Lebensunterhalt.
Die Journalistin Karen Hao, die für die Dokumentation interviewte, zitiert zudem eine Studie des Arbeitsforschers Tim Newman. Demnach konnten 86 Prozent der befragten Datenarbeiter:innen im vergangenen Jahr ihre Rechnungen nicht vollständig begleichen. Fast ein Viertel war auf staatliche Unterstützung wie Lebensmittelmarken oder Medicaid angewiesen.
Fallbeispiel: Eine Ivy-League-Absolventin im KI-Training
Eine der interviewten Personen, die sich nur unter dem Pseudonym Jen vorstellte, schilderte ihre verzweifelte Situation: Nach ihrem PhD an einer Elite-Uni fand sie monatelang keine passende Stelle. Sie lebte bei ihrer Schwester und bezog Sozialhilfe. Als sie ein Jobangebot von Mercor für 55 Dollar pro Stunde sah – deutlich mehr als ihr vorheriges Gehalt als Kellnerin und Vertretungslehrerin –, griff sie zu.
„Ich sah die Stellenausschreibung für einen *Philosophie-Intelligenzanalysten* und dachte: Warum sollte ich das nicht können?“, erklärte sie. Doch schon nach zwei Wochen wurde ihr Vertrag ohne Vorwarnung gekündigt. „Wir erhielten eine Nachricht in unserem Gruppenchat: *Dieser Vertrag endet hier.*“
Systematische Ausbeutung als Geschäftsmodell
Mercor wirbt mit einem Pool von 30.000 Vertragsarbeiter:innen. Doch die Dokumentation legt nahe, dass viele dieser Beschäftigten in einer Grauzone zwischen Ausbeutung und existenzieller Not arbeiten. Die KI-Branche profitiert dabei von einer wachsenden Reservearmee an hochqualifizierten, aber perspektivlosen Arbeitskräften.
„Die KI-Industrie baut auf den Trümmern zerbrochener Karrieren und ausgebeuteter Arbeitskräfte auf.“ – Karen Hao, Investigativjournalistin
Fazit: Eine Branche ohne Moral?
Die Enthüllungen werfen grundsätzliche Fragen über die Ethik der KI-Entwicklung auf. Wenn die Technologie der Zukunft auf der Ausbeutung der Schwächsten basiert, ist das nicht nur ein Problem für die Betroffenen – sondern für die gesamte Gesellschaft. Die Dokumentation von More Perfect Union zeigt: Die KI-Revolution wird nicht nur von Algorithmen, sondern auch von menschlichem Leid angetrieben.