Ein unsichtbares Gift in Omaha

Jovanni Daniels, 8 Jahre alt, klettert auf einen Baum in Omaha, Nebraska. Seine Mutter Belinda Daniels erinnert sich noch genau an den Schock, als der Kinderarzt 2018 bei ihrem damals einjährigen Sohn erhöhte Bleibelastung im Blut feststellte. Das Metall kann die Gehirnentwicklung hemmen und irreversible Schäden verursachen, warnte der Arzt. Doch weil die Belastung früh erkannt wurde, konnte Belinda Daniels Gegenmaßnahmen ergreifen: Sie zog aus der Wohnung mit abblätternder Bleifarbe aus, reinigte regelmäßig gründlich und hielt ihren Sohn von kontaminiertem Boden fern. Die Blutwerte sanken schließlich. Jovanni hat heute zwar mit Wutausbrüchen und Impulskontrollstörungen zu kämpfen, doch seine Mutter ist überzeugt:

"Die Ärzte sagten mir, die Folgen hätten auch Autismus oder schwere Entwicklungsverzögerungen sein können."

Ein Superfund-Gebiet mit jahrzehntelanger Belastung

Omaha ist nicht nur die Heimat eines der größten Bleiverschmutzungsgebiete der USA – es ist auch ein Symbol für jahrzehntelange Umweltverschmutzung. Über ein Jahrhundert lang blies eine Bleihütte und andere Fabriken 400 Millionen Pfund giftiges Blei in die Luft, das sich auf der Ostseite der Stadt ablagerte. 1999 begann die Umweltbehörde EPA mit Untersuchungen, und wenige Jahre später erklärte sie ein 27 Quadratmeilen großes Gebiet zum Superfund-Standort – einem der dringendsten Sanierungsfälle des Landes.

Seitdem haben EPA und Stadtverwaltung fast 14.000 Gärten in etwa einem Drittel der betroffenen Wohngebiete umgegraben und das belastete Erdreich entfernt. Doch trotz dieser Bemühungen bleibt das Problem: Die meisten Kinder in Omaha werden nicht auf Bleibelastung getestet – obwohl die Stadt nach wie vor zu den am stärksten belasteten Gebieten der USA gehört.

Fehlende Tests: Ein gefährliches Versäumnis

In Nebraska liegt die Entscheidung, ob ein Kind auf Blei getestet wird, largely bei den Ärzten oder Gesundheitssystemen. Es gibt keine gesetzliche Pflicht zu routinemäßigen Screenings. Das führt dazu, dass viele Fälle unentdeckt bleiben – obwohl Omaha als Standort des größten Wohngebiets für Bleisanierungen in den USA gilt.

Dabei zeigen andere Bundesstaaten, wie effektiv flächendeckende Tests sein können: 13 US-Staaten, darunter New Jersey und Louisiana, haben Gesetze eingeführt, die alle Kinder vor dem Kindergarten auf Bleibelastung testen. Die Ergebnisse sind eindeutig: In allen Bundesstaaten mit verfügbaren Daten stieg die Zahl der getesteten Kinder nach Einführung solcher Gesetze deutlich an. Einige Staaten entdeckten dadurch sogar mehr Fälle mit erhöhten Bleiwerten.

Die American Academy of Pediatrics schätzt, dass durch fehlende Tests etwa die Hälfte aller Kinder mit hoher Bleibelastung unentdeckt bleiben. Sowohl die Akademie als auch die CDC empfehlen Tests in Gebieten mit alter Bausubstanz oder bekannter Bleibelastung – genau wie in Omaha.

Gesundheitsrisiken: Warum frühe Tests entscheidend sind

Blei ist besonders für Kleinkinder gefährlich, da es sich negativ auf die Gehirnentwicklung auswirkt. Mögliche Folgen sind:

  • Kognitive Beeinträchtigungen: Lernschwierigkeiten, verminderte Intelligenz
  • Verhaltensauffälligkeiten: Hyperaktivität, Impulskontrollstörungen
  • Körperliche Schäden: Nierenschäden, Blutarmut
  • Langfristige Folgen: Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter

Belinda Daniels, deren Sohn Jovanni trotz früher Diagnose mit gesundheitlichen Folgen kämpft, ist überzeugt:

"Alle Kinder in Omaha sollten getestet werden – nicht nur die, bei denen jemand zufällig daran denkt."

Forderungen nach bundesweiten Standards

Lokale Gesundheitsbehörden in Omaha haben zwar mit Plakaten und Aufklärungskampagnen auf die Risiken hingewiesen, doch ohne gesetzliche Verpflichtung bleibt die Testrate niedrig. Experten fordern nun, dass Nebraska – wie andere Bundesstaaten auch – ein flächendeckendes Screening-Gesetz einführt.

Die Folgen des jahrzehntelangen Bleiausstoßes werden Omaha noch lange beschäftigen. Während die Sanierungsarbeiten fortschreiten, bleibt eine Frage offen: Wie viele Kinder werden in Zukunft erst dann erkannt, wenn es zu spät ist?

Quelle: ProPublica