Festnahmen ohne klare Zielvorgabe: Taskforce in Memphis verhaftet Hunderte Einwanderer

Memphis, Tennessee – Elmer, ein Straßenhändler aus Honduras, steht seit sieben Jahren in den USA. Er floh vor der Gewalt in seiner Heimat und lebt seitdem ohne Papiere. Doch seit Herbst letzten Jahres fürchtet er um seine Sicherheit – nicht wegen Gangs, sondern wegen einer Taskforce der US-Regierung.

Am vergangenen Februar-Samstag stand Elmer wie gewohnt an seinem Schuhstand in Memphis und verkaufte gebrauchte, aber gepflegte Sportschuhe. Während er Kunden bediente, beobachtete er misstrauisch die Umgebung. Er wusste: Jeder Moment könnte sein letzter sein.

Vor wenigen Monaten wurden in seiner Nähe zwei Guatemalteken von Agents in Uniformen der Heimatschutzbehörde festgenommen. Wenig später nahm die Polizei den Besitzer eines Taco-Stands auf der anderen Straßenseite fest. Im Dezember folgte die Verhaftung seines 19-jährigen Neffen – nach einer Verkehrskontrolle. Der junge Mann sitzt seitdem in einem Gefängnis in Tennessee. Elmer und sein Sohn könnten die nächsten sein.

Taskforce mit fragwürdiger Effizienz

Die Festnahmen sind Teil einer offiziellen Operation namens „Memphis Safe Task Force“, die im September 2024 von Präsident Donald Trump angeordnet wurde. Über zwei Dutzend Behörden – darunter lokale Polizei, die Nationalgarde, die Highway Patrol und Einwanderungsbehörden – sollten gemeinsam „Straßen- und Gewaltkriminalität in Memphis so weit wie möglich eindämmen“. Doch die Realität sieht anders aus.

Eine Auswertung der täglichen Festnahmeberichte von Oktober bis Anfang Februar durch MLK50: Justice Through Journalism und ProPublica zeigt: Von über 5.200 Verhaftungen waren nur etwa 25% auf Gewaltverbrechen zurückzuführen. Der Großteil der Festnahmen erfolgte aufgrund von ausstehenden Haftbefehlen – viele davon wegen geringer Vergehen wie Falschparkens oder kleiner Drogendelikte.

Doch das eigentliche Problem: Über 800 der Festgenommenen waren Einwanderer ohne legalen Aufenthaltsstatus. Von diesen wurden lediglich 17 – also gerade einmal 2% – zusätzlich wegen Gewaltverbrechen angeklagt. Die meisten wurden allein wegen ihres Aufenthaltsstatus inhaftiert.

Willkürliche Festnahmen oder gezielte Abschreckung?

Die Taskforce rechtfertigt ihre Einsätze mit dem Kampf gegen Kriminalität. Doch Kritiker sehen darin eine verdeckte Abschiebewelle. Elmer und andere Betroffene berichten von willkürlichen Kontrollen und Festnahmen ohne konkreten Verdacht.

Sie kommen einfach und nehmen Leute mit, ohne zu erklären warum“, sagt Elmer. Sein Neffe wurde bei einer Routinekontrolle festgenommen – ohne dass ihm Gewalt vorgeworfen wurde. Jetzt wartet die Familie auf seine mögliche Abschiebung nach Honduras, wo ihm Gewalt droht.

Die Taskforce operiert in einer Grauzone: Einerseits soll sie Kriminalität bekämpfen, andererseits dient sie offenbar als Werkzeug zur Durchsetzung restriktiver Einwanderungspolitik.

Journalisten suchen weitere Betroffene

Die Recherchen von MLK50 und ProPublica zeigen, dass die Taskforce weit über ihre ursprüngliche Aufgabe hinausgeht. Um das Ausmaß der Einsätze zu dokumentieren, suchen die Journalisten weiterhin nach Betroffenen und Mitarbeitern der beteiligten Behörden.

Haben Sie oder jemand, den Sie kennen, seit Beginn der Taskforce Kontakt mit den Behörden gehabt? Die Journalisten bitten um Hinweise – insbesondere von Anwohnern, die mit der Memphis Police Department, der Tennessee National Guard, der Tennessee Highway Patrol, der Heimatschutzbehörde oder der Einwanderungsbehörde ICE in Kontakt standen. Auch Mitarbeiter dieser Behörden sind zur Kontaktaufnahme aufgefordert.

Kontakt: Wendi C. Thomas per Signal unter wendicthomas.96 oder per E-Mail an [email protected].

„Die Taskforce sollte eigentlich Gewaltkriminalität bekämpfen – stattdessen werden Hunderte Menschen allein wegen ihres Aufenthaltsstatus festgenommen.“
– Auszug aus den Recherchen von MLK50 und ProPublica

Fazit: Operation mit zweifelhaftem Nutzen

Während die Regierung Trump die Taskforce als Erfolg im Kampf gegen Kriminalität darstellt, zeigen die Zahlen ein anderes Bild: Die meisten Festnahmen betreffen keine Gewalttäter, sondern Einwanderer ohne Papiere. Die Operation wirft Fragen nach der Legalität und Verhältnismäßigkeit solcher Einsätze auf – besonders, wenn sie als Vorwand für Abschiebungen dienen.

Für Elmer und seine Familie bleibt die Unsicherheit. „Wir haben nichts falsch gemacht, außer hier zu leben“, sagt er. Doch in Memphis könnte das bald ein Verbrechen sein.

Quelle: ProPublica