Seit 2005 leitet ein Jura-Professor an der Georgetown University ein Seminar mit dem Titel „Aktuelle Bücher zur Verfassung“. Die Idee entstand aus der Notwendigkeit heraus, sich systematisch mit neuer verfassungsrechtlicher Literatur auseinanderzusetzen. Da der Professor sich sonst vorrangig mit Themen seiner eigenen Forschungsprojekte beschäftigt, blieb die Lektüre aktueller Werke oft auf der Strecke.

Um diese Lücke zu schließen, entwickelte er ein Konzept: Er wählt jährlich sechs aktuelle Bücher zur Verfassung aus, die sowohl Studierende als auch er selbst lesen. Dieses Vorgehen hat sich bewährt – mittlerweile hat er auf diese Weise über 100 Bücher analysiert. Seit 2005 wurden 105 Bücher von 96 verschiedenen Autorinnen und Autoren behandelt. Besonders häufig vertreten sind dabei James Fleming, Sandy Levinson, Gerard Magliocca, Eric Segall und Dan Farber.

Besonders bemerkenswert ist, dass der Professor vier Bücher bereits vor deren Veröffentlichung in sein Seminar aufnahm. Für das Herbstsemester 2026 stehen folgende Werke auf dem Lehrplan:

  • Eric Claeys: Natural Property Rights (2025)
  • Paul DeHart: Uncovering the Constitution's Moral Design (2017)
  • Richard Primus: The Oldest Constitutional Question: Enumeration and Federal Power (2025)
  • Louis Michael Seidman: The Constitution Cannot Save Us: Why We Can No Longer Rely on Our Founding Document (2026)
  • Sarah Isgur: Last Branch Standing: A Potentially Surprising, Occasionally Witty Journey Inside Today's Supreme Court (2026)

Die Auswahl der Bücher erfolgt nach inhaltlicher Relevanz oder aufgrund des Autors. Der Professor liest die Werke erst kurz vor den Studierenden, um gemeinsam mit ihnen eine Diskussionsebene zu schaffen und die Nuancen im Unterricht zu vertiefen.

Das Seminar ist als zweimonatiger Kurs konzipiert: Pro Buch werden zwei Wochen eingeplant, wobei die Autorin oder der Autor in der zweiten Woche zu Gast ist, um mit den Studierenden über das Werk zu diskutieren. Das erste Buch des Semesters stammt stets aus der Feder des Professors selbst – ein Probelauf, der den Studierenden seine Perspektive näherbringt.

Um den Arbeitsaufwand für die Studierenden überschaubar zu halten, werden bei Büchern über 250 Seiten nur ausgewählte Abschnitte zur Lektüre empfohlen. Pro Woche dürfen nicht mehr als 125 Seiten gelesen werden, um eine gründliche Auseinandersetzung zu gewährleisten. Zur Kontrolle verfassen die Studierenden nach jeder Hälfte eines Buches eine einseitige Zusammenfassung (bestanden/nicht bestanden). Zudem erstellen sie vor dem Autorengespräch eine kritische Analyse von 5.500 Zeichen, die der Professor an die Autorin oder den Autor weiterleitet.

Am Ende des Seminars gibt es weder Prüfungen noch schriftliche Arbeiten. Dennoch berichten die Studierenden regelmäßig, dass der Kurs ihre kritischen Denkfähigkeiten deutlich verbessert habe. Die Methode, ganze Bücher durch gezielte Auszüge zu ersetzen, hat sich als effektiv erwiesen – die Studierenden lesen die Texte aufmerksam und beteiligen sich aktiv an den Diskussionen.

Quelle: Reason