Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Als am vergangenen Samstag ein Attentäter den White House Correspondents’ Dinner störte, sollte ein Abend zu Ehren der Meinungsfreiheit in Chaos enden. Präsident Donald Trump und weitere Regierungsvertreter wurden in Sicherheit gebracht. Doch statt der geplanten Fortsetzung der Veranstaltung verkündete die Präsidentin der White House Correspondents’ Association, Weijia Jiang, über Twitter/X, dass Trump den Abend für beendet erklärt habe – allerdings mit der wichtigen Korrektur: Er habe dies auf Truth Social bekannt gegeben, nicht auf Twitter/X.

Jiang betonte, dass die anwesenden Journalisten den Tweet ohnehin bereits gesehen hätten. Doch die Ironie blieb: Trumps Ankündigung, die auf seiner eigenen Plattform veröffentlicht wurde, war innerhalb von Minuten auf Twitter/X, Threads und anderen Netzwerken präsent. Ein Screenshot seiner Nachricht verbreitete sich viral – ein Muster, das sich bei unzähligen Truth-Social-Posts des Ex-Präsidenten wiederholt hat.

Von der Ankündigung, das iranische Regime auszulöschen, über die Entlassung von Kabinettsmitgliedern wie Pam Bondi und Kristi Noem bis hin zu KI-generierten Memes, in denen er als Jesus dargestellt wird – Trumps Truth-Social-Inhalte finden ihren Weg in die gesamte Social-Media-Landschaft. Selbst auf Bluesky, einer Plattform mit kaum nennenswerter Trump-Anhängerschaft, werden seine Posts geteilt – meist, um sie zu kritisieren. Doch genau darin liegt die Macht seiner Reichweite: Es ist ihm gelungen, die öffentliche Debatte zu dominieren, unabhängig von der genutzten Plattform.

Warum Truth Social nicht mehr der entscheidende Faktor ist

Als Trump 2021 von Twitter/X und Facebook gesperrt wurde, galt dies vielen als notwendige Maßnahme, um die Verbreitung von Hass und Gewaltaufrufen zu unterbinden. Die Aufhebung dieser Sperren weniger als zwei Jahre später sorgte für Empörung. Doch als Trump sich entschied, hauptsächlich auf Truth Social zu posten, hofften viele, seine Reichweite würde dadurch stark eingeschränkt. Doch die Realität sieht anders aus.

Die Plattform selbst ist ein Nischenprodukt: Laut Sensor Tower verzeichnete Truth Social im April durchschnittlich nur 700.000 tägliche aktive Nutzer weltweit. Zum Vergleich: Twitter/X kommt auf 200 Millionen, Threads auf 185 Millionen. Mit 0,35 % bzw. 0,38 % der Nutzerzahlen dieser Giganten ist Truth Social kaum mehr als ein Schatten seiner selbst. Dennoch bleibt es ein zentraler Ort für Trumps Online-Präsenz – wenn auch nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

Ein Unternehmen ohne wirtschaftliche Perspektive

Die Trump Media & Technology Group, Mutterkonzern von Truth Social, verbuchte 2025 einen Umsatz von lediglich 3,7 Millionen US-Dollar – etwa das, was Meta alle zehn Minuten einnimmt. Gleichzeitig verbuchte das Unternehmen einen Verlust von 712 Millionen US-Dollar. Als Börsenwert ist die Firma seit ihrem Börsengang um fast 90 % eingebrochen und gilt als Paradebeispiel für eine Meme-Aktie.

Trotz dieser Zahlen scheint das Unternehmen weniger an wirtschaftlichem Erfolg als vielmehr an der politischen und medialen Präsenz Trumps interessiert zu sein. Die Plattform wirbt zwar mit Themen wie Fitness, Fotografie und Hunden, doch in der Praxis ist Truth Social ein Trump-centriertes Echo-Kammer. Hier werden seine Anhänger bestärkt, während Kritiker gezielt angegriffen werden. Gleichzeitig finden sich vereinzelt auch abweichende Meinungen, etwa zur Iran-Politik.

Doch die eigentliche Bedeutung von Truth Social liegt nicht in seiner Nutzerzahl oder seinem Geschäftsmodell, sondern in der Tatsache, dass Trump es geschafft hat, seine Botschaften in die gesamte Social-Media-Landschaft zu tragen – unabhängig von der Plattform. Ob auf Twitter/X, Threads oder Bluesky: Seine Posts werden geteilt, diskutiert und analysiert. Die Kontrolle über die Verbreitung seiner Inhalte hat er längst verloren. Stattdessen hat er eine neue Form der Omnipräsenz entwickelt: Er ist überall – und nirgends gleichzeitig.