EPA-Direktive stellt 500+ chemische Risikobewertungen infrage
Die US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) unter der Leitung von Administrator Lee Zeldin stellt jahrzehntelange wissenschaftliche Bewertungen der Toxizität von Chemikalien infrage. Ein interner Vermerk des stellvertretenden EPA-Administrators David Fotouhi fordert eine Überprüfung von über 500 Risikobewertungen des Integrated Risk Information System (IRIS) – ein Programm, das als Grundlage für unzählige Umwelt- und Gesundheitsregulierungen in den USA und international dient.
Wissenschaftliche Standards unter Beschuss
Das IRIS-Programm, 1985 gegründet, gilt als zentrale Instanz für die Bewertung der Sicherheit von Chemikalien. Seine Analysen bestimmen zulässige Grenzwerte für Schadstoffe wie Arsen im Trinkwasser oder Blei in Farben und Böden. Die EPA selbst betonte in der Vergangenheit die Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit dieser Daten. Doch nun wirft die neue Direktive die Frage auf: Sind diese Bewertungen überhaupt noch vertrauenswürdig?
Fotouhi kritisiert in seinem sechsseitigen Vermerk die angebliche Überkonservativität der IRIS-Wissenschaftler und fordert, dass die Behörde auf ihrer Website einen Hinweis platziert, wonach die Toxizitätsbewertungen nicht zwingend für Regulierungen herangezogen werden dürfen. Zudem sollen externe Nutzer dieser Daten aufgefordert werden, die Bewertungen ebenfalls zu überprüfen.
Gefahr für Umwelt- und Gesundheitsschutz
Umweltrechtsexperten wie Robert Sussman, ehemaliger EPA-Mitarbeiter und Berater sowohl für Chemikalienkonzerne als auch Umweltverbände, warnen vor den Konsequenzen:
"Diese Direktive gibt Unternehmen, die Umweltverschmutzung verursachen, ein mächtiges Werkzeug an die Hand. Sie können sich nun auf die vermeintliche Ungültigkeit von IRIS-Daten berufen, um Regulierungen, Genehmigungen oder Vollzugsmaßnahmen anzufechten. Das ist ein schwerer Rückschlag für den Schutz der Bevölkerung vor gefährlichen Chemikalien."
Kritiker verweisen darauf, dass Fotouhi vor seiner EPA-Anstellung als Anwalt für Unternehmen tätig war, die wegen Umweltverschmutzung verklagt wurden. Die EPA betont jedoch in einer Stellungnahme, dass Fotouhi alle ethischen Richtlinien eingehalten habe und die Direktive keine Risiken für die Bevölkerung darstelle. Jegliche Änderungen an Regulierungen müssten zudem öffentliche Beteiligung durchlaufen.
Internationale Auswirkungen befürchtet
Die IRIS-Bewertungen dienen nicht nur US-Behörden als Grundlage, sondern werden auch von anderen Ländern und internationalen Organisationen genutzt. Eine Schwächung des Programms könnte globale Standards untergraben. Die EPA erklärte zwar, dass die Wissenschaft weiterhin im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehe, doch die aktuelle Entwicklung wirft Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Behörde auf.
Umweltverbände und Wissenschaftler fordern nun eine Klarstellung der EPA. Die Frage bleibt: Wird die Direktive zu mehr Transparenz führen – oder zu einem Rückzug des Gesundheitsschutzes vor industriellen Interessen?