Mit 41 Jahren gründete Meryl Rosenthal gemeinsam mit einer Geschäftspartnerin ein Beratungsunternehmen für Personalentwicklung und Arbeitsplatztransformation. Neun Jahre später, im Alter von 50, führte der Ausstieg der Partnerin dazu, dass Rosenthal das Unternehmen allein weiterführte – als Solopreneurin. Die Herausforderungen waren vielfältig: Jüngere Führungskräfte zweifelten an ihrer Expertise, da ihr Werdegang nicht klassisch im HR-Bereich verlief. Zudem wurde ihr unterstellt, als ältere Frau moderne Technologien schlechter zu verstehen als ihre jüngeren Kollegen. Doch Rosenthal ließ sich nicht beirren.
„Was mich vorangebracht hat, war die Kombination all meiner bisherigen Erfahrungen: Arbeitsethos, unternehmerisches Know-how, Perspektive, Anpassungsfähigkeit und Selbstvertrauen“, erklärt sie. „Ich konnte meine Stimme finden, meinem Urteilsvermögen vertrauen und das Unternehmen nach meinen Stärken ausrichten.“ Besonders erfolgreich seien Gründerinnen über 50, weil sie Fähigkeiten aus früheren Berufsphasen unternehmerisch nutzen könnten. Ihr Unternehmen floriert seit über zwei Jahrzehnten – und Rosenthal steht kurz vor ihrem 62. Geburtstag.
Laut US-Volkszählung waren 2023 rund 40 % aller Unternehmen in den USA in Frauenhand – ein Zeichen für sich wandelnde Geschlechterrollen. Frauen gründen zudem mehr Unternehmen als je zuvor, fast die Hälfte aller Neugründungen. Doch für Gründerinnen über 50 gibt es einen entscheidenden Haken: Sie erleben eine doppelte Benachteiligung – sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch ihres Alters. Dies zeigt sich besonders deutlich bei der Kapitalbeschaffung.
„Als Frau – und noch dazu als ältere Frau – muss man sich viel stärker beweisen als Männer“, sagt Julie Wing, 65-jährige Seriengründerin und Inhaberin eines Luftfahrtunternehmens. „Männer müssen das nicht.“
Forschung belegt: Ältere Gründerinnen sind wirtschaftlich erfolgreicher
Dabei deuten aktuelle Studien darauf hin, dass genau diese Gruppe oft übersehen wird – obwohl sie besonders vielversprechend ist. Eine MIT-Studie kam zu dem Ergebnis, dass ältere Gründer deutlich erfolgreicher sind als jüngere, da Branchenerfahrung den Unternehmenserfolg stark erhöht. Eine Untersuchung der Boston Consulting Group zeigte zudem, dass von Frauen gegründete Startups über einen Fünfjahreszeitraum durchschnittlich 10 % mehr Umsatz erzielten als männlich geführte Unternehmen. Noch bemerkenswerter: Pro investiertem Dollar generierten frauengeführte Startups 78 Cent, während männlich geführte nur 31 Cent erwirtschafteten.
Diese Zahlen belegen, dass die Ignoranz gegenüber Gründerinnen über 50 wirtschaftliche Chancen ungenutzt lässt. Doch warum werden sie systematisch benachteiligt?
Die Fallstricke der Alters- und Geschlechterdiskriminierung
Die Gründe für die doppelte Diskriminierung sind vielfältig. Einerseits herrschen in der Wirtschaft noch immer veraltete Klischees über die Leistungsfähigkeit älterer Frauen vor. Ihnen wird unterstellt, weniger innovativ, technikaffin oder risikobereit zu sein. Andererseits spielen unbewusste Vorurteile eine Rolle: Investoren und Entscheidungsträger bevorzugen oft Gründer, die dem klassischen „Start-up-Profil“ entsprechen – jung, männlich, technikaffin. Frauen über 50 passen selten in dieses Schema.
Hinzu kommt, dass viele Investoren ältere Gründerinnen als „Risiko“ einstufen, obwohl Studien das Gegenteil belegen. Die doppelte Benachteiligung führt dazu, dass diese Unternehmerinnen seltener Zugang zu Finanzierungen erhalten – selbst wenn ihr Geschäftsmodell überzeugend ist. Dabei könnten gerade sie durch ihre Erfahrung und Netzwerke langfristig stabilere Unternehmen aufbauen.
Chancen nutzen: Wie ältere Gründerinnen erfolgreich bleiben
Trotz der Hindernisse gibt es Wege, die strukturellen Nachteile zu überwinden. Erfolgreiche Unternehmerinnen über 50 setzen auf folgende Strategien:
- Netzwerke gezielt nutzen: Branchenverbände, Mentoring-Programme und Frauennetzwerke bieten Unterstützung und Sichtbarkeit.
- Erfahrung als Stärke kommunizieren: Statt sich für ihr Alter zu rechtfertigen, betonen sie ihre Expertise und Erfolgsbilanz.
- Technologiekompetenz beweisen: Weiterbildungen und digitale Tools helfen, Vorurteile abzubauen und moderne Arbeitsweisen zu demonstrieren.
- Alternative Finanzierungsquellen erschließen: Crowdfunding, öffentliche Förderprogramme oder Investor:innen, die Diversität fördern, können helfen.
Meryl Rosenthal und Julie Wing zeigen, dass es möglich ist, trotz aller Widerstände erfolgreich zu sein. Ihre Geschichten unterstreichen, dass Unternehmerinnen über 50 nicht nur Potenzial haben – sie sind eine treibende Kraft für Innovation und wirtschaftliches Wachstum.
Die Wirtschaft kann es sich nicht leisten, dieses ungenutzte Potenzial weiter zu ignorieren. Es ist Zeit, die doppelten Vorurteile abzubauen und Gründerinnen über 50 die Chancen zu geben, die sie verdienen.