Vor sieben Jahren war die Landschaft noch ein blühendes Paradies: Eine blumenübersäte Wiese, in der sich Douglasien, Zedern und einige der höchsten Zucker-Kiefern der Welt befanden. Hier, im Lassen National Forest in Nordostkalifornien, lebten seltene Arten wie der Sierra-Nevada-Rotfuchs. Doch heute ist von dieser Artenvielfalt nichts mehr zu sehen. Stattdessen erstreckt sich ein öder, sonnenverbranntter Flecken Erde – übersät mit vulkanischem Gestein und ohne jegliches Leben. Keine Vögel, keine Insekten, keine Bäume. Nur ein paar künstlich gepflanzte, eng stehende Nadelholzsämlinge, die kaum einen Fuß hoch sind.
Die Ursache für diese Verwüstung ist kein natürliches Feuer, sondern der massive Einsatz von Glyphosat, besser bekannt unter dem Markennamen Roundup. Logging-Unternehmen und der US Forest Service besprühen damit systematisch gerodete und brandgeschädigte Wälder – nicht nur in Kalifornien, sondern in ganz Amerika. Das Herbizid soll unerwünschte Pflanzen wie Weiden oder Adlerfarne unterdrücken, um Platz für schnell wachsende Baumarten zu schaffen. Doch die Folgen sind fatal: Der Boden wird vergiftet, die natürliche Regeneration des Waldes verhindert und ganze Ökosysteme zerstört.
Nur wenige Minuten entfernt zeigt sich, wie anders die Natur ohne Chemikalien regeneriert. Dort sprießen bereits wieder Berg-Weißdornsträucher, Kaninchenbusch und violett schimmernde Disteln. Bienen summen zwischen den Blüten, und junge Zedern, Kiefern und Tannen wachsen wild durcheinander. Ein Beweis dafür, dass sich Wälder ohne menschliches Eingreifen erholen können – wenn man sie lässt.
Wie Glyphosat die Wälder Kaliforniens tötet
Der Lassen National Forest gehört zu den am stärksten mit Glyphosat behandelten Gebieten Kaliforniens. Der Pacific Crest Trail, berühmt durch den Film Wild mit Reese Witherspoon, führt direkt durch diese Zone. Doch statt einer blühenden Wildnis findet man dort eine Mondlandschaft – fast fünf Jahre nach dem Dixie Fire, einem der verheerendsten Waldbrände der Region.
Die Praxis des großflächigen Herbizideinsatzes ist kein Einzelfall. Laut Daten der US Environmental Protection Agency (EPA) wurden allein in Kalifornien zwischen 2013 und 2022 über 1,2 Millionen Pfund Glyphosat in Wäldern versprüht. Die Begründung: Man wolle die Wiederaufforstung beschleunigen und die Ausbreitung invasiver Pflanzen verhindern. Doch Kritiker warnen vor den langfristigen Folgen für Boden, Wasser und Tierwelt.
Glyphosat – ein umstrittenes Gift
Glyphosat ist eines der am häufigsten verwendeten Herbizide weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft es als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Studien zeigen zudem, dass das Gift nicht nur Pflanzen, sondern auch Insekten, Vögel und Säugetiere schädigt. In den USA ist der Einsatz in der Landwirtschaft bereits stark eingeschränkt, doch in der Forstwirtschaft bleibt er weitestgehend unreguliert.
Umweltverbände wie Beyond Pesticides fordern ein generelles Verbot von Glyphosat in Wäldern. „Die chemische Keule ist keine Lösung“, sagt eine Sprecherin. „Sie zerstört nicht nur die Natur, sondern gefährdet auch die Gesundheit der Menschen, die in diesen Gebieten leben oder sie nutzen.“
Kann sich der Wald ohne Chemikalien erholen?
Die Antwort gibt ein Blick auf die benachbarten, nicht mit Glyphosat behandelten Flächen: Innerhalb weniger Jahre kehrt das Leben zurück. Pionierpflanzen wie Weiden und Adlerfarne bilden die Grundlage für eine natürliche Sukzession. Insekten und Vögel finden wieder Nahrung und Lebensraum. Selbst seltene Arten wie der Sierra-Nevada-Rotfuchs könnten zurückkehren – wenn der Mensch sie nicht mit Gift daran hindert.
Doch die Forstwirtschaft setzt weiterhin auf Roundup. Die Begründung: Wirtschaftlichkeit. Schnell wachsende Monokulturen aus Kiefern oder Douglasien bringen höhere Erträge als artenreiche Mischwälder. Doch der Preis ist hoch: verlorene Biodiversität, vergiftete Böden und eine gestörte Klimaresistenz der Wälder.
„Wir zerstören unsere Wälder im Namen der Wiederaufforstung. Dabei wäre der beste Weg, sie einfach in Ruhe zu lassen.“
– Melissa Lewis, Autorin und Beobachterin der Waldentwicklung
Was kann getan werden?
- Politische Regulierung: Ein Verbot von Glyphosat in der Forstwirtschaft, wie es bereits in einigen europäischen Ländern gilt.
- Alternative Methoden: Mechanische Entfernung invasiver Pflanzen oder der Einsatz natürlicher Prädatoren wie Schafe zur Beweidung.
- Transparenz: Öffentliche Zugänglichkeit von Daten über Herbizideinsätze in Wäldern.
- Bürgerengagement: Unterstützung von Umweltorganisationen, die gegen den Einsatz von Glyphosat kämpfen.
Die Wälder Amerikas sind mehr als nur Holzlieferanten – sie sind Lebensraum, Klimaschützer und Erholungsort. Es ist Zeit, sie nicht länger mit Gift zu übergießen, sondern ihnen eine echte Chance zur Regeneration zu geben.