Am Montag startete am BAM Harvey Theatre in Brooklyn die US-Premiere von „Hamlet“, einer Produktion, die zuvor bereits im Londoner National Theatre zu sehen war. Doch was diese Inszenierung so besonders macht, ist weniger die Handlung als vielmehr die radikale Neudeutung der Titelfigur durch den Schauspieler Hiran Abeysekera.

Der erste Blick fällt auf die weiße Strickmütze, die Abeysekera als Hamlet trägt – ein Detail, das sofort Assoziationen weckt. Nicht etwa, weil sie besonders auffällig wäre, sondern weil sie den Charakter in eine Richtung lenkt, die an Truman Capote erinnert. Capote, bekannt für seinen sarkastischen Witz und seine exzentrische Art, hätte Hamlet wohl ähnlich gespielt: mit schriller Stimme, übertriebener Gestik und einer Portion Ironie, die an die Grenzen des Erträglichen geht.

Doch Abeysekera geht noch weiter. Seine Stimme gleitet in den berühmten Monologen wie ein Tenor durch die Tonleitern, dehnt Vokale auf unnatürliche Weise und endet seine Sätze mit pseudo-intellektuellen Ausrufen, die Shakespeare nie geschrieben hätte. Es wirkt, als würde ein Kewpie-Puppe Hamlets berühmte Worte rezitieren – wenn sie denn sprechen könnte. Doch das ist kein Zufall: Die Inszenierung unter der Regie von Robert Hastie erinnert stark an die Arbeit von Sam Pinkleton, bekannt für seine provokanten und oft humorvollen Theaterproduktionen wie „Oh, Mary!“ oder das Revival von „The Rocky Horror Show“.

Die Ironie durchzieht die gesamte Produktion. Hamlet verspottet nicht nur Polonius (Matthew Cottle, der in seiner Rolle als komische Figur glänzt), Claudius (Alistair Petrie, der tragisch wirkt) und Gertrude (Ayesha Dharker, die hier besonders unfähig wirkt), sondern auch Rosencrantz und Guildenstern (Hari Mackinnon und Joe Bolland, die als übertrieben schwul dargestellt werden). Selbst die berühmte „Mausefalle“-Szene wird zur Farce. Doch trotz aller Komik bleibt die Frage: Wo bleibt die Tragik?

Wie Susan Sontag einst sagte: „Tragödie ist nie ironisch.“ Und tatsächlich wirkt die Produktion selten wirklich traurig – bis auf Claudius’ ergreifendes Geständnis: „Mein Verbrechen riecht bis zum Himmel.“ Plötzlich wird klar, warum Hamlet seinen Onkel nicht töten kann: Die Worte treffen ihn mitten ins Herz.

Doch Abeysekera geht noch einen Schritt weiter. In einer Szene flirtet Hamlet offen mit Rosencrantz – nicht aus Zuneigung, sondern aus Spott. Ist Hamlet etwa schwul? Nein, er macht sich nur über die sexuelle Orientierung eines Freundes lustig. Wie Capote scheint Abeysekera jenseits von Geschlechterrollen zu agieren. Manchmal bricht er sogar in typisch männliche Wutausbrüche à la Richard Burton aus, als würde er die Rolle des „The Robe“ spielen. Doch das ist nur eine Facette von Hamlets Charakter – eine, die bisher selten im Fokus stand: seine Eitelkeit.

Sein erster Auftritt ist ein Statement: Hohe Absätze (Kostüme und Bühnenbild stammen von Ben Stones) lassen ihn größer wirken. Doch Ophelia, gespielt von Francesca Mills, ist eine kleine Frau. Hat niemand Hamlet gesagt, dass seine Freundin zierlich ist? Oder versucht er, sie durch seine Größe zu beeindrucken? Oder bevorzugt er es einfach, sie im Sitzen zu küssen? Die Inszenierung lässt Raum für Spekulationen – und genau das macht sie so faszinierend.

Fazit: Diese „Hamlet“-Neuinterpretation ist kein klassisches Drama, sondern eine provokante, humorvolle und manchmal verwirrende Hommage an den großen Dramatiker. Sie polarisiert, unterhält und fordert das Publikum heraus – genau wie Capote es getan hätte.

Quelle: The Wrap