Zeitdruck und Algorithmen treiben Lieferfahrer zur Raserei
Lieferfahrer für Essensdienste wie DoorDash, GrubHub oder UberEats haben einen der härtesten Jobs: Sie müssen aggressive Autofahrer, unfreundliche Restaurantmitarbeiter und ungeduldige Kunden managen – während ihr Gehalt und ihre Existenz auf dem Spiel stehen. Ein einziger Fehler, eine Verspätung oder ein Unfall kann zu Bewertungsabstürzen oder sogar zur Deaktivierung führen. Doch dieser Druck hat messbare Folgen für das Fahrverhalten, wie eine neue Studie zeigt.
Studie analysiert Gründe für Rasen bei Lieferfahrern
Forscher der Studie, die im nächsten Monat im Fachmagazin Transportation Research Interdisciplinary Perspectives erscheint, untersuchten Tausende Kommentare von Fahrern in Subreddits der drei größten Liefer-Apps. Ziel war es, herauszufinden, warum Fahrer zu schnell fahren – und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.
Die Gründe ließen sich in zwei Kategorien einteilen: berufliche Faktoren und persönliche Einstellungen. Überraschend war, dass berufliche Gründe wie die Pünktlichkeitsquote der Haupttreiber für Raserei waren. Wer zu oft zu spät kommt, riskiert die Deaktivierung. Persönliche Ansichten, etwa dass Rasen „nicht so schlimm“ sei, spielten eine untergeordnete Rolle.
„Ich achte nicht besonders auf meine Pünktlichkeitsstatistik, aber es stört mich, dass ich für 75 Prozent meiner Lieferungen die Geschwindigkeitsbegrenzung überschreiten müsste.“
— Aussage eines Lieferfahrers
Besonders auffällig: Die Apps überwachen nicht nur die Pünktlichkeit, sondern auch die gefahrene Geschwindigkeit. Fahrer, die nicht rasen, nannten zudem Kontrollen durch die Polizei als Abschreckung – ein Zeichen für die mehrstufige Überwachung, der Lieferfahrer ausgesetzt sind.
App-Anbieter könnten Sicherheit verbessern
Die Studie identifiziert konkrete Lösungsansätze, um unsicheres Fahrverhalten zu reduzieren:
- Flexiblere Pünktlichkeitsmetriken: Weniger Druck auf Fahrer, um Verspätungen zu vermeiden.
- Transparenz bei Überwachung: Klare Kommunikation, wie und warum Daten gesammelt werden.
- Belohnungssystem statt Strafen: Anreize für sicheres Fahren statt Deaktivierung bei Fehlern.
Ein Sprecher von GrubHub betonte gegenüber den Forschern: „Wir tolerieren kein unsicheres Fahren – diese Erwartung kommunizieren wir klar an alle unsere Kurierfahrer.“ Auf die Frage nach den Pünktlichkeitsmetriken äußerte sich das Unternehmen jedoch nicht näher.
Fazit: Systemischer Druck statt individueller Fahrlässigkeit
Die Studie widerlegt das Klischee vom „rücksichtslosen Lieferfahrer“. Stattdessen zeigt sie, dass das Geschäftsmodell der Liefer-Apps mit seinen starren Bewertungs- und Deaktivierungsregeln das Problem verstärkt. App-Anbieter könnten durch angepasste Metriken und transparente Kommunikation einen wichtigen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.