Im Dezember 2025 zog sich der Prairie Band of Potawatomi aus einem 30-Millionen-Dollar-Vertrag mit der US-Einwanderungsbehörde ICE zurück und entließ die Verantwortlichen, die den Deal ausgehandelt hatten. Im Januar folgte die Oneida Nation of Wisconsin und beendete Verträge im Wert von über sechs Millionen Dollar mit ICE. In beiden Fällen zwang öffentlicher Druck indigener Mitglieder die Führungsebenen zum Handeln.
Doch nicht überall setzt sich diese Entwicklung durch. Ein besonders auffälliger Fall ist Alaska: Dort halten Native Corporations weiterhin an ICE-Verträgen fest – trotz ähnlicher Proteste wie bei anderen indigenen Gruppen. Die Bering Straits Native Corporation (BSNC) etwa bleibt trotz Forderungen ihrer Anteilseigner bei den umstrittenen Geschäften mit der Einwanderungsbehörde.
Levi Rickert, Mitglied des Prairie Band of Potawatomi, bringt die Widersprüchlichkeit auf den Punkt:
„Indigene Menschen kennen Unterdrückung. Wir wurden aus unseren Ländern vertrieben, in Internatsschulen gesteckt und auf Reservate gezwungen. Wir können – wir dürfen – nicht von der Unterdrückung anderer profitieren.“
Warum scheitert der Protest bei BSNC?
Der entscheidende Unterschied liegt in der rechtlichen Struktur der betroffenen Unternehmen. Der Prairie Band of Potawatomi und die Oneida Nation sind indigene Regierungen, deren Führung direkt ihren Mitgliedern gegenüber rechenschaftspflichtig ist. Diese können durch Wahlen oder öffentliche Versammlungen Druck ausüben und Veränderungen erzwingen.
Die Alaska Native Corporations hingegen sind keine Regierungen, sondern gewinnorientierte Unternehmen, die durch den Alaska Native Claims Settlement Act (ANCSA) von 1971 gegründet wurden. Ihre Vorstände unterliegen einer treuhänderischen Pflicht gegenüber den Aktionären – nicht gegenüber Gemeinschaftswerten. Petitionen von Anteilseignern haben daher keine bindende Wirkung.
Die BSNC zeigt dies deutlich: Ihr Tochterunternehmen Paragon Professional Services hält Verträge im Wert von 88 Millionen Dollar mit ICE, darunter Logistik für Abschiebungen und den Betrieb von Haftanstalten. Mehr als 470 BSNC-Aktionäre haben eine Petition für den Ausstieg aus diesen Verträgen unterzeichnet – doch der Vorstand hat bisher nicht reagiert.
Rechtliche Strukturen als Hindernis für Veränderung
Ann Tweedy, Professorin für Bundes-Indianerrecht an der Universität von Mississippi, erklärt den Unterschied:
„Bei indigenen Regierungen in den Lower 48 gibt es eine starke Verbindung zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Verantwortung. Bei Alaska Native Corporations ist die Unternehmensführung weiter von den Anteilseignern entfernt.“
Der ANCSA verfolgte ursprünglich das Ziel, indigene Gemeinschaften in korporative Strukturen zu überführen.
„Die Idee, dass sie sich nicht wie traditionelle indigene Regierungen verhalten sollten, ist dem ANCSA inhärent“,so Tweedy. Diese Philosophie schafft eine klare Trennlinie: Während öffentliche Unternehmen primär ihren Aktionären verpflichtet sind, tragen indigene Unternehmen oft eine zusätzliche Verantwortung gegenüber ihrer Gemeinschaft.
Doch bei den Alaska Native Corporations überwiegt bisher das Gewinnstreben – selbst wenn es im Widerspruch zu den moralischen Forderungen ihrer Mitglieder steht.