Der Supreme Court unter Chief Justice John Roberts wird häufig als unternehmensfreundlich eingestuft. Studien zur Erfolgsquote der US-Handelskammer vor dem höchsten Gericht untermauern diesen Eindruck. Doch die Realität sieht anders aus: In zentralen juristischen Fragen, insbesondere bei der Präemption, zeigt der Court ein überraschend antikorporatives Gesicht.

Präemption: Ein zentraler Streitpunkt zwischen Unternehmen und Klägern

Präemption beschreibt den Vorrang von Bundesrecht vor Landesrecht. Während Unternehmen in der Regel eine weite Präemption anstreben, um Klagen auf Bundesebene zu verhindern, bevorzugen Geschädigte eine enge Auslegung, um Schadensersatzklagen auf Landesebene zu ermöglichen. Doch im Supreme Court folgt die Rechtsprechung nicht diesem klassischen Schema.

Besonders auffällig ist die Haltung einzelner Richter:

  • Justice Thomas gilt als überzeugter Föderalist und skeptisch gegenüber weitreichender Präemption.
  • Justice Gorsuch scheint diese Position zu teilen.
  • Justice Kavanaugh – und in geringerem Maße Justice Alito – neigen dagegen zu einer starken Präemption.
  • Chief Justice Roberts und Justice Barrett entscheiden oft als Swing-Voter, ohne dass sich automatisch eine konservative Mehrheit für Präemption bildet.

Drei aktuelle Fälle zeigen den Trend

1. Hencely v. Fluor Corp: Bundesrecht überlagert keine Landestort-Klage

In diesem Fall hob der Supreme Court eine Entscheidung des Fourth Circuit auf und stellte fest, dass Bundesrecht keinen Vorrang vor einer Landestort-Klage hatte. Die Mehrheit setzte sich aus Justice Thomas (Urteilsbegründung), Justices Sotomayor, Kagan, Gorsuch, Barrett und Jackson zusammen. Justice Alito dissentierte gemeinsam mit Chief Justice Roberts und Justice Kavanaugh.

Die Stimmenverteilung spiegelt die grundsätzlichen Positionen der Richter zur Präemption wider – ein klares Zeichen für den antipreemptiven Kurs des Gerichts.

2. Montgomery v. Caribe Transport II, LLC: Einstimmige Entscheidung gegen Präemption

In diesem Fall urteilte der Supreme Court einstimmig, dass Bundesrecht keine Präemption für eine Landestort-Klage gegen Transportvermittler vorsieht. Justice Barrett verfasste die knappe, aber präzise Urteilsbegründung. Auf nur wenigen Seiten widerlegte sie alle Argumente der Gegenseite – darunter auch einen ungewöhnlichen Einwand der Regierung. Ihre Schlussfolgerung: "Der Wortlaut von subsection (c)(2)(A) ist maßgeblich. Lieber mit dem Rätsel leben, als das Gesetz umzuschreiben."

Justice Kavanaugh stimmte dem Urteil zwar zu, fügte aber eine separate Begründung hinzu. Darin räumte er ein, dass die Präemptionsanalyse komplexer sei als von der Mehrheit dargestellt. Dennoch betonte er, dass Kongress und Präsident mögliche Probleme durch Gesetzesänderungen lösen könnten. Eine bemerkenswerte Aussage, da sie die Verantwortung an die Politik delegiert.

Interessant: Selbst Paul Clement, einer der renommiertesten Prozessanwälte der USA, der normalerweise kaum Niederlagen vor dem Supreme Court einstecken muss, ging in diesem Fall leer aus. Eine 9:0-Entscheidung gegen die Unternehmensseite ist selten.

3. Monsanto Company v. Durnell: Ein weiterer Präemptionsfall in der Kritik

Auch in diesem Fall – ebenfalls von Paul Clement vertreten – deutet vieles auf eine Niederlage der Unternehmensseite hin. Zwar wird das Urteil nicht einstimmig ausfallen, doch die Prognose geht von einer 5:4- oder sogar 6:3-Mehrheit für die Klägerseite aus. Die Richter, selbst konservative, zeigen wenig Neigung, Bundesrecht kreativ auszulegen, um Präemption zu begründen.

In früheren Analysen zu diesem Fall hatte der Autor bereits darauf hingewiesen, dass die Präemptionsfrage hier besonders heikel ist. Die Entscheidung könnte weitere Klarheit darüber bringen, wie der Supreme Court künftig mit ähnlichen Fällen umgeht.

Fazit: Ein Supreme Court, der Unternehmen Grenzen setzt

Die jüngste Rechtsprechung des Supreme Courts zeigt ein überraschendes Muster: In Präemptionsfragen setzt sich das Gericht nicht automatisch für die Interessen von Unternehmen ein. Stattdessen zeigt es eine Tendenz, Landestort-Klagen zu ermöglichen und damit die Haftung von Unternehmen zu erleichtern. Dies widerspricht dem gängigen Narrativ eines pro-korporativen Supreme Courts unter Roberts.

Für Geschädigte und ihre Anwälte könnte dies ein positiver Trend sein. Für Unternehmen hingegen bedeutet es, dass sie sich auf eine strengere Auslegung von Präemption einstellen müssen – und dass sie im Zweifel mit Klagen auf Landesebene rechnen sollten.

"Die jüngsten Entscheidungen des Supreme Courts zeigen, dass Präemption kein Selbstläufer für Unternehmen ist. Die Richter setzen klare Grenzen – selbst in konservativ dominierten Fällen."

Quelle: Reason