KI-Agenten bedrohen traditionelle Enterprise-Software-Modelle
Die Machtverteilung im Enterprise-Software-Markt war lange stabil: Unternehmen, die die Benutzeroberfläche kontrollierten, besaßen auch die Kundenbeziehung. Mitarbeiter navigierten durch Dashboards, Formulare und Menüs, während Softwareanbieter ihre Lizenzen ausweiteten und wiederkehrende Einnahmen steigerten. Doch jetzt verändert agentische KI dieses Modell grundlegend.
KI-Agenten können Routineaufgaben ohne direkte Benutzerinteraktion erledigen – sie koordinieren Aktionen über mehrere Systeme hinweg allein durch Sprachbefehle. Diese Entwicklung hat die Branche verunsichert. Anfang des Jahres brachen SaaS-Aktienkurse ein, als Investoren befürchteten, dass KI-Agenten stabile Schnittstellen schwächen, Lizenzwachstum bremsen und jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodelle untergraben könnten.
McDermotts Gegenentwurf: Warum KI die Enterprise-Software stärkt
Bill McDermott, CEO von ServiceNow, widerspricht dieser pessimistischen Sichtweise vehement. Er argumentiert, dass Investoren die tatsächliche Implementierung von Enterprise-KI fundamental falsch einschätzen. „KI kann denken und über enorme Rechenleistung verfügen“, erklärt McDermott gegenüber Fast Company. „Aber sie handelt nicht.“
Diese Unterscheidung ist zentral für ServiceNows KI-Strategie. Während viele befürchten, dass Hyperscaler und Foundation-Modell-Anbieter große Teile der Enterprise-Software übernehmen könnten, sieht McDermott gerade in der Orchestrierung, Workflow-Governance und operativen Ausführung den entscheidenden Mehrwert. „Wenn ein Unternehmen digitale Agenten mit menschlichen Mitarbeitern zusammenarbeiten lässt oder sogar deren Aufgaben übernimmt, müssen diese Agenten entlang klar definierter Geschäftsprozesse agieren – damit am Ende auch Ergebnisse entstehen“, so McDermott.
ServiceNows Wachstum trotz KI-Hype
Bisher haben sich die Befürchtungen der Investoren nicht auf ServiceNows Geschäftsergebnisse ausgewirkt. Das Unternehmen erwartet für 2026 einen Umsatz von über 15,7 Milliarden US-Dollar aus Abonnements. Der Bereich Now Assist AI erreichte im ersten Quartal einen jährlichen Vertragswert von 750 Millionen US-Dollar und strebt bis Jahresende 1,5 Milliarden an. ServiceNow betont, dass KI die Kundenbindung an die Plattform sogar verstärkt statt schwächt.
Laut Unternehmensangaben stammten 2025 91 % des neu generierten jährlichen Vertragswerts aus Deals mit fünf oder mehr Produkten. Deals, die Now Assist mit drei oder mehr Produkten kombinierten, stiegen im Jahresvergleich um fast 70 %.
Warum operative Realität KI-Disruption bremst
Daniel Newman, CEO und Chefanalyst der Futurum Research Group, bestätigt, dass die aktuelle KI-Welle schneller verläuft als jede vorherige Technologietransformation im Enterprise-Bereich. Dennoch unterschätzen Investoren oft die operativen Trägheiten großer Organisationen: „Der tiefste Schutzgraben, der Veränderungen erschwert, ist die Tatsache, dass Menschen sich langsamer anpassen als Technologien.“
Diese operative Realität erklärt, warum etablierte Softwareanbieter trotz des KI-Hypes weiterhin eine Schlüsselrolle spielen. Während Silicon Valley autonome KI-Systeme als Ersatz für große Teile der Enterprise-Software imaginiert, müssen Unternehmen weiterhin Governance, Compliance, Sicherheit, Transaktionssicherheit und Datenschutz gewährleisten – Anforderungen, die eine reine KI-Lösung allein nicht erfüllen kann.
„Die Zukunft gehört nicht den reinen KI-Anbietern, sondern den Unternehmen, die KI mit stabilen, sicheren und prozessorientierten Plattformen verbinden.“
Bill McDermott, CEO von ServiceNow
Fazit: KI als Katalysator für neue Wertschöpfung
Die Debatte um KI im Enterprise-Sektor zeigt: Die Technologie allein löst keine Probleme. Entscheidend ist, wie Unternehmen KI in bestehende Strukturen integrieren. ServiceNow setzt darauf, dass Orchestrierung und Workflow-Management die neuen Treiber des Marktes werden – und nicht die reine KI-Funktionalität. Ob diese Strategie aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen, wenn sich die KI-Integration in der Praxis bewähren muss.