Ein mysteriöser Abschiedsbrief, den Jeffrey Epstein nach seinem ersten mutmaßlichen Suizidversuch in Haft geschrieben haben soll, ist nun öffentlich zugänglich. Der Brief wurde nach Jahren der Versiegelung und Lagerung in einem Gerichtssafe freigegeben.
Richter Kenneth Karas vom US-Bezirksgericht in White Plains, New York, ordnete die Veröffentlichung an, nachdem die New York Times die Freigabe beantragt hatte. Die Staatsanwaltschaft erhob keine Einwände gegen die Entscheidung. Der Brief war Teil eines Rechtsstreits im Zusammenhang mit Epsteins ehemaligem Zellengenossen, Nicholas Tartaglione, einem verurteilten Mörder.
Erst als Tartaglione den Brief im vergangenen Jahr in einem Podcast erwähnte, wurde die Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam. Tartaglione behauptete, den Zettel in einem Buch gefunden zu haben, nachdem Epstein am 23. Juli 2019 mit einem Bettlaken um den Hals in ihrer Zelle aufgefunden worden war. Drei Wochen später wurde Epstein in seiner Zelle tot aufgefunden – offiziell als Suizid eingestuft.
Der Inhalt des Briefes ist teilweise schwer lesbar, enthält aber folgende Passagen:
- „Sie haben mich monatelang untersucht – nichts gefunden!!!“
- „Es ist ein Geschenk, die Zeit zum Abschiednehmen selbst wählen zu können.“
- „Was willst du, dass ich mache – etwa losheulen?!“
- „KEIN SPASS“ (unterstrichen) und „ES LOhnt SICH NICHT!!“
Unklar bleibt, wer den Brief tatsächlich verfasst hat. Weder in den offiziellen Untersuchungsberichten zu Epsteins Tod noch in den kürzlich veröffentlichten Justizakten wurde der Brief erwähnt.
Richter Karas begründete seine Entscheidung damit, dass die Privatsphäre Verstorbener wie Epstein nach deren Tod stark eingeschränkt sei. Eine konkrete Schädigung durch die Veröffentlichung sei unwahrscheinlich, so seine Argumentation.
Laut Gefängnisunterlagen wies Epstein nach dem Vorfall vom 23. Juli 2019 Reibespuren und Hautirritationen am Hals auf. Ein Beamter notierte, Epstein habe angegeben, Tartaglione habe versucht, ihn zu töten. Dennoch wurde Epstein nach 31 Stunden Suizidbeobachtung nur noch psychiatrisch überwacht – in diesem Zustand nahm er sich später das Leben.
Epstein hatte gegenüber einem Gefängnispsychologen angegeben, Selbstmord sei gegen seinen jüdischen Glauben und er sei ein „Feigling“, der Schmerzen hasse. Tartaglione hatte seinen Anwalt vier Tage nach dem Vorfall über den Brief informiert. Dieser wurde später als Beweismittel in Tartagliones Strafverfahren eingereicht und unter Verschluss genommen, nachdem es Streit um dessen rechtliche Vertretung gab.
Beide Männer wurden am 31. Juli 2019 von Gefängnisbeamten befragt.